Unter Drachenseglern

Der Drachen ist ganz und gar von gestern. Das macht ihn heute so begehrt. Es gibt schnellere und praktischere Boote, kaum jedoch ein schöneres. Und auch deren Segler sind bemerkenswert.

In unserer abwechslungsreich bunten Warenwelt mit alljährlich vorgestellten Neuheiten und unterschiedlich interessanten Messepremieren ist das demnächst 80 Jahre alte Dreimannkielboot Drachen eine wohltuende Ausnahme. Es wird unbeirrt gesegelt, meist von einflussreichen, neuerdings als „mover“ und „shaker“ bezeichneten Menschen.

In der Hansestadt Hamburg beispielsweise schickt es sich, einem der beiden maßgeblichen, an der Alster beheimateten Segelvereine anzugehören. Wichtiger als die bloße, meist an der Heckklappe mit einem kleinen Aufkleber mitgeteilte Clubmitgliedschaft ist es, das richtige Boot mit dem schlichten Klassenzeichen „D“ zu segeln. Obwohl ein regattaklares Boot etwa so viel wie ein Porsche oder Maserati kostet, gilt die Wahl als Ausdruck stilbewussten Understatements.

Die flachbordig charmante kleine Yacht mit den aparten Überhängen und der Spritzkappe vor dem schachtähnlich engen Cockpit bleibt äußerlich wie sie ist. Zugleich wird sie, im Detail zum ausgeklügelten Regatta-Nahkampfapparat perfektioniert, Jahrzehnt für Jahrzehnt immer besser. Frode Andersens in den Siebzigerjahren für den unter-Deck-Betrieb erdachte Winschen werden gerade abgeschafft. Die heutigen Gurus bringen das Gefährt winchless, mit synchron beim Anluven und Beschleunigen des Bootes per Flaschenzug dichtgeholter Genua ein Quäntchen besser an den Wind.

Das gediegene offene Kielboot gehört zu den Gegenständen des sams- und sonntäglichen Gebrauchs anspruchsvoller Seglerhaushalte, die unbeirrt gesegelt, kultiviert und mit vorausschauend klugen Schlägen durch das gefährliche tiden- und klippenreiche Gewässer des Auf und Ab der Moden gesteuert wird. Es gibt bekanntlich wenige Dinge, wo dies überhaupt versucht wird oder lohnend wäre. Das Objekt muss sich schon durch eine besondere, eine kostbar bleibende Qualität auszeichnen. Der Drachen ist auch im siebten Jahrzehnt ein hinreißend hübsches Boot. Der Regattaklassiker mit dem handbreit um das Cockpit ausgekragten Süllrand, der filigranen Takelage mit Back- und Jumpstagen, der Geometrie von Vor- und Großsegel nebst kugelförmigem Spinnaker, ist ein bezaubernder Anblick. Man kann sich bei Regatten, sollte es einmal nicht so gut laufen, tatsächlich daran trösten. Sogar an Land herumstehend, wo Schiffe meist eine abtörnende Angelegenheit sind, macht das knapp neun Meter lange, 1,95 m breite, 1,7 Tonnen schwere Schiff eine ausgezeichnete Figur.

Wir könnten schwärmen für die Eleganz des Bootskörpers mit langem Kiel und dahinter hängendem Ruderblatt, die Finesse der zum traditionell geneigten Heckspiegel geführten Linie. Wir könnten versuchen, die zurückgenommene skandinavische Eleganz zu erklären und riskieren, von der nautisch weniger affizierten Leserschaft für bescheuert gehalten zu werden. Daher überlassen wir es dem Zeitgenossen mit Sinn für schöne Formen, den Drachtentest selbst zu machen. In der Segelsaison steht auf den Seitenstraßen wassernah gehobener Wohnlagen meist einer.

Der Drachen ist ganz und gar von gestern. Er segelt naß, schwerfällig und neigt bei auffrischendem Schiebewind unter Spinnaker zum abtauchen. Manches Exemplar wurde gehoben,  einige blieben unten. Erst neuerdings ist der Drachen dank abgeschotteter Plicht unsinkbar. Beim Am Wind Kurs in bewegtem Wasser ist ein Vorschoter der Drachencrew mit dem Abpumpen des hereinschwappenden Naß beinahe so gut beschäftigt, wie seine Mitstreiter mit Steuern, Segeltrimm, der Taktik, Vorbereitung des nächsten Manövers und der Meute andauernd angreifenden Verfolger.

Es gibt agilere, schnellere, vielseitigere, irgendwie praktischere  Boote, als den Drachen, wo sich drei erwachsene Menschen gut verstehen sollten, um ein Regattasegelwochenende mit einer vertretbaren Zahl Beulen und psychischen Blessuren in gehabter Freundschaft zu absolvieren. Es gibt vom Chiemo, H-Boot, Twin, über die Soling und hin bis zur Trias verschiedene, zweifellos moderne Kielboote. Man kann sich von einem aktuellen Exemplar vollgleitender Raumschotswunder namens Grand Surprise, Hip 30 oder Max Fun 25 von einem großen, am vorn ausgefahrenen Karbonrüssel befestigten Gennaker über den See zerren lassen. Aber ach, gibt deren marktschreierische Typenbezeichnung nicht bereits kund, dass sie sich kaum mit dem schlechthinnigen Dreimannkielboot messen können? Im Unterschied zu den Modeerscheinungen und Eintagsfliegen wird der Drachen in beeindruckend großen, konstant wachsenden Regattafeldern gesegelt. Über 1.400 Drachen gibt es weltweit, wobei die mit Abstand stärkste Flotte hierzulande mit über 400 Booten unterwegs ist. In Frankreich, Holland und der Schweiz sind jeweils rund hundert Schiffe registriert, in England und den Staaten an die zweihundert. Zur 75-jährigen Jubiläumsregatta der Klasse, sie wurde von der schweizerischen Hanseatic Lloyd AG gesponsort, starteten Oktober 2004 Segler aus 31 Ländern. Sage und schreibe 254 Drachen, Jung und Alt, Bürgerliche und Adelige, Liebhaber und Segelasse versammelten sich an der quer über den Golf von Saint Tropez führenden Startlinie.

Die Handhabung des Drachen ist eine Wissenschaft für sich. Sie ist so unergründlich wie die erfolgreiche Ausübung des Golfsports. Man versteht und lernt es wahrscheinlich nie ganz. Ob man es vorübergehend „drauf hat“ erfährt man allenfalls in Relation zur unterschiedlich geschätzten und gemochten Konkurrenz, die dann wiederum tagesformabhängig freundlich im Club grüßt. Drachensegler sind ehrgeizige Menschen, eine kompetitive Spezies, die sich die kostbare Freizeit ungern mit nachrangigen Platzierungen verdirbt. Dieses Malheur lässt sich mit einer guten, harmonierenden Crew, regelmäßig erneuerter Segelgarderobe, gelegentlich einem neuen Boot, Trimmanleitungen und Drachenseminaren vermeiden. Letztere sind für nicht ganz so eingeweihte Kreise leider so ergiebig wie die Teilnahme an Management- oder Motivationskursen.

„Don’t look, don’t move“ rät der zweimalige Olympiasieger und von England nach Dänemark umgezogene Engländer Poul Richard Høj-Jensen dem Steuermann eines Drachen. Was so viel heißt wie „Klappe halten, sich nicht ablenken lassen, Kurs halten“. Zu viele Ruderausschläge und Wenden bremsen das bei leichtem Wind untertakelte, bei Seegang von den Wogen übel aufgehaltene Boot. Man muss es in Fahrt halten und sollte eine Regatta mit so viel Gelassenheit und Übersicht beginnen, wie der Dalai Lama sein Leben bestreitet. In der sehens- und lesenswerten Hommage „75 Years of Dragon“ wird das komplexe Thema mit entspannter Mokanz aus der Perspektive eines eher durchschnittlich begabten Seglers wie folgt zusammengefasst: „Das Problem mit dem Segeln einer Einheitsklasse ist, dass der beste Segler im Allgemeinen gewinnt.“

Das war vom 21. bis 24. Juli anlässlich des Hanseatic Lloyd Dragon Grand Prix wieder zu erleben, als 61 Mannschaften aus zehn Nationen vor dem idyllischen Strande an der Kieler Außenförde bei drei Windstärken aus West segelten. Ganze acht Punkte trennten die ersten fünf Teams, ein Beweis für die Leistungsdichte der Klasse. Es gewannen Dänen vor Bayern, Preußen, Ukrainern und Engländern. Die perfekt frisierte Königin Silvia von Schweden, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, der sympathische deutsche Spitzensegler Jochen Schümann, einige B bis D Promis und 200.000 Euro für die World Childhood Foundation kamen zusammen. Schön segeln, abends im Kaisersaal des Kieler Yacht Clubs tafeln und für einen guten Zweck die Brieftasche zücken, das ist eine win-win-win Situation, die zur Klasse der Mover und Shaker und ihrem derzeit engagierten Förderer, dem cleveren Schifffahrtskaufmann Harro Kniffka, passt.

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