God bless America

An einem kühlen Maimorgen ist das Boot wieder in seinem Element. Der Blick schweift durch das elfenbein- und türkisfarben gepolsterte Cockpit. Er verweilt an der silbernen Kulisse der Hebel für Standgas, Reisetempo und volle Fahrt. Die beiden Speichen des vom Chrysler 300 der fünfziger Jahre inspirierten Steuerrads schimmern in der sich langsam durchsetzenden Morgensonne.

Wie die Licht- und Blinkerhebel beim Wagen ragen dem Fahrer die elfenbeinfarbenen Knäufe der Getriebehebel für die beiden Motoren unter dem Lenkrad entgegen. Die Zeiger der großen schwarzen VDO Tourenzähler ruhen.

Der Blick wandert an Deck, folgt den hellen Kotostreifen die Windschutzscheibe hindurch über das raffiniert wie eine Kühlerhaube gewölbte und zum Bug abgesenkte Vorschiff. Er schweift weiter nach vorn, auf die voraus offen daliegende Wasserfläche. Ein beglückender Moment nach über einem Jahr unzähliger Sondierungen, Abwägungen, Entscheidungen, Verabredungen, Aufträge, Gespräche, Termine, von Vor- und Rückschlägen, dem ganzen Stop and Go eines solchen Projekts und auch mancher, der gediegenen Arbeit angemessenen Rechnung. Sollte es die vergangenen Monate angesichts des Aufwands, mancher Hiobsbotschaft und Hürde je Zweifel an der Wiederherstellung der „Hermes“ gegeben haben: Sie verdampfen wie der Dunst einer kühlen Frühlingsnacht im Sonnenlicht über dem Scharmützelsee.

Die beiden Zündschlüssel stecken in ihren Schlössern neben dem Steuer. Die Hand dreht erst den linken, dann den rechten. Brummend nehmen die Ventilatoren im Motorraum ihre Arbeit auf. Beinahe vergessen ist der Griff an die Knäufe der Gashebel vor der silbernen Kulisse an der backbord Seite der Plicht. Mit zwei energischen Schüben vorwärts bekommen die Motoren ihre Extra Ration Sprit. Der Daumen auf der linken Taste lässt die Stille des Morgens in einer zähen, metallisch bis heiser klingenden Bemühung des Anlassers verebben. Asthmatisch hustend kündet der vorerst trockene, noch nicht vom Kühlwasser durchströmte Auspuff vom Erwachen des Achtzylinders. Mit der gutturalen Begrüßung des Löwen von Metro-Goldwyn-Mayer meldet sich die in Gang gesetzte Materie. Der Zeiger des schwarzen VDO Tourenzählers schwingt über die türkisen Ziffern. Befeuert von einigen, mit anarchischer Rotzigkeit herausgeblasenen Gasstößen kommt die Maschine auf Touren. Der Salut wächst zum rhythmischen Gebrüll eines hungrigen, sich von seinem Lager erhebenden Löwen.

Eigentlich sind Motoren zur Fortbewegung da. Diese weit verbreitete Ansicht würde Konrad Börries nicht bestreiten. Doch ist der köstliche Krach dieser lange entbehrten „fuel to sound conversion“ ein Präludium. Er verheißt mehr, kündigt den Aufbruch hinaus auf die Savanne der lichtüberfluteten Wasserfläche an. Das Klangerlebnis verlangt nach höheren Drehzahlen, der Pracht durchzugsstarker Kraftentfaltung in freier Wildbahn.

Nach dem Anfeuern der zweiten, der rechten Maschine stehen 370 Pferdestärken aus neun Litern Hubraum zur Verfügung. Rhythmisch grollend werden die beiden Aggregate warm. God bless America. Mit blubbernden Schalldämpfern schiebt sich die „Hermes“ auf die Wasserfläche hinaus.