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Erbseninseln

Wenn der Wind das Meer vor den kleinen Felsen der „Ertholmene“, den Erbseninseln, wieder einmal derart heftig toben läßt, dass der Nord- oder Südhafen unpassierbar ist, öffnet sich die filigrane Schwenkbrücke zwischen Christiansö und Frederiksö und gibt die 30 Meter breite Durchfahrt zwischen den Inseln für ein Schiff frei. Vorsichtig manövriert es durch das vom Wind und Wogen bewegte Hafenbecken, in dem sich die schutzsuchenden Fischkutter und Yachten drängen, tuckert durch das leewärtige Hafenbecken, schiebt den Bug an den Molenköpfen vorbei in die tobende See und stemmt sich dann unter einem wolkenverhangenen Himmel gegen das unermüdlich anrennende, schiefergraue Meer Richtung Bornholm. Vogelinsel Græsholm In einem weiten Bogen umfährt das Schiff Græsholm, die umbrandete Vogelinsel gleich vor Frederiskö. Weiß ist sie, von Mövenschiß und -leibern. Seitdem ein Student 1924 auf Græsholm einen dem Pinguin ähnlichen Alk und die in Dänemark bis dahin unbekannte Silbermöve entdeckte, steht das Eiland unter Naturschutz. Wer sich der wenige hundert Meter großen Insel nähert, um die Silber-, Herings- oder Sturmmöven, den Tordalk, die Trottellumme, den Mittelsäger oder die Eiderente mal aus der Nähe zu sehen, wird schnell von dem ohrenbetäubenden Geschrei der Vögel und dem herabregnenden ätzenden Vogeldreck vertrieben. Die Eiderente wird auf den Erbseninseln, den „Ertholmene“, wie die Dänen sie liebevoll nennen, übrigens Åbo genannt. Der Vogel bedeutete einst für den Kommandanten der Inseln mitten in der Ostsee ein beträchtliches Kapital. Denn die Daunen, so das Gesetz, standen dem Kommandanten zu und der verkaufte sie nach Bornholm oder ans Festland. Das im Wind schwankende Ende der filigranen Drehbrücke landet wieder auf Frederiksö. Die wenigen Dutzend Besucher, die vorhin auf den Erbseninseln abgesetzt wurden, wenden sich ihrem Ausflugsziel zu, verteilen sich über das kleine, kuriose Eiland. Da und dort tauchen die bunten Wind- und Öljacken der Sommerfrischler zwischen den den Wacholderbüschen auf. Nach Christiansö verirren sich ohnehin nur wenige Individualisten. Vom „Store Tärn“, einem massiven Steinturm mit stattlichem, weithin sichtbaren Durchmesser, geht es die einzige Straße der Insel entlang. Das holprige Pflaster zwischen den langgestreckten zweistöckigen und grob verputzten Häuserzeilen nennt sich natürlich „Christiansögade“: das monotone, finstere Tür an Tür der ehemaligen Kasernenstraße erinnert an die militärische Bedeutung der Erbseninseln seit dem 17. Jahrhundert. Christian V. ließ auf der größten der Erbseninseln 1684 eine Festung auf der größten der Erbseninseln bauen und siedelte mehr als 100 Menschen sommers wie winters an: Offiziere, Beamte, einige Handwerker und Soldaten. Zuvor waren es lediglich Fischer aus Bornholm gewesen, die für die Sommermonate alljährlich auf die Erbseninseln kamen. Vom befestigten Christiansö aus sollten die Flottenbewegungen der feindlichen Schweden ausgespäht werden. Aber nicht nur Soldaten wurden zu den Erbseninseln geschickt, auch Sträflinge in Ketten, Sklaven und Menschen, die als geisteskrank angesehen wurden, mussten ihr Dasein auf den Klippen in der Ostsee fristen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts dann kamen die Künstler – etwa der Dichter und Maler Holger Drachmann, Edvard Weie und sein schwedischer Malerkollege Karl Isakson als einer der Vertreter der sogenannten „Bornholmer Schule“. In einer guten halben Stunde läuft man entlang der Befestigungsmauern von Christiansö um die Insel, verweilt da und dort in den herrlich nach Kräutern duftenden Niederungen, kehrt zur kleinen Schwenkbrücke unter dem Store Tärn zurück. Christiansö, die kleine Felseninsel in Sichtweite von Bornholm verweist den Besucher auf sich selbst: Sie ist kein Ort zur Flucht vor sich selbst. So wird mancher mehr Kurzweil suchende Gast froh sein, das Eiland wieder mit dem nächsten Schiff verlassen zu können. Wer Frieden mit sich selbst sucht, wird den Tag auf den kleinen Erbseninseln irgendwo weit draußen in der Ostsee, genießen und gern erinnern.