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Einmal nach Portofino

Wie eine soziologische Studie herausgefunden hat, macht Geld den Menschen erst dann glücklich, wenn er erkennbar mehr als andere hat. Ansonsten soll Geld in der modernen Vergleichs- und Neidgesellschaft sogar unglücklich machen. Diese Erkenntnis spricht gegen einen Besuch des ligurischen Jet-Set Fischerdorfs mit pittoresk mondänem Naturhafen, wo es einige Glückspilze mit prächtigen Villen, üppigen Gärten und ansehnlichen Booten, also deutlich mehr Geld gibt, als wir je haben werden. In Portofino können wir uns soeben einen Milchkaffee unter den weißen Sonnenschirmen der zentralen Piazzetta leisten. Er wird hier zum ähnlich phantastischen Tarif wie auf dem Markusplatz von Venedig, allerdings ohne Stehgeiger gereicht. Dafür ist der Blick auf den Hafen mit den fröhlich kleinen bunten Booten ganz schön.  Gemäß einem ungeschriebenen Tourenseglergesetz weht der Wind immer vom Ziel. Wir befinden uns einen Segeltag von Portofino entfernt im Golf von La Spezia. Die Fallböen, die sich aus den Höhen der Cinque Terre über den eigentlich geschützten Ankerplatz von Le Grazie hermachen, künden von einem deftigen Nordwest. Portofino, wo der Autofahrer stündlich mit fünf Euro im Parkhaus geschröpft wird, gibt’s eben auch von See kommend nicht geschenkt. Eigentlich müssten wir in Le Grazie bleiben, den dörflichen Charme des Hafens genießen und abwarten, bis der Wind nachlässt. Wir könnten den beiden rothaarigen Besitzerinnen der Vinothek bei der Beaufsichtigung ihrer Dobermänner zugucken. Wir würden den Popen bei der täglichen Straßenseelsorge beobachten und schmunzeln, wie er sich um die eindeutig dem weltlichen Leben zugewandten Weinhändlerinnen kümmert. Das Leben ist eine Komödie und in Italien wird sie farbenfroh aufgeführt. Der Deutsche dagegen arbeitet, er kämpft auch im Urlaub, wenn es richtiger werden soll. Deshalb legen wir ab und trotzen den unwirtlichen Bedingungen draußen vor Palmaria und der Isola del Tino unter zünftig reduzierten Segeln den Kurs nach portus delphini, wie die alten Römer die felsige Bucht nannten, ab. Vor der Steilküste der Cinque Terre gehen die Wogen hoch. Schaumgekrönte Elefantenrücken rollen uns entgegen. Nach einer Stunde haben wir uns an die Verhältnisse gewöhnt und gelernt, das Boot schonend durch die Buckelpiste zu steuern. Wie eng ist das Spektrum der Verhältnisse von Wind, Wellengang, Küstenformation und Temperatur, wo es sich auf dem Meer nicht bloß schlecht bis recht aushalten, sondern leben lässt. Weiter draußen queren wir die Strömungsgrenze zwischen dem nordwestlich, entgegen dem Uhrzeigersinn durch das ligurische Meer ziehenden und dem vom Wind südöstlich geschobenen Wasser. Wir segeln aus dem grünen, küstennahen Gewässer mit der Farbe einer gekachelten Badeanstalt übergangslos in ein bodenlos dunkles Blau. Ein Spektakel, das wir noch nie gesehen haben und abergläubische Naturen umkehren liesse. Meile für Meile würgen wir das arg auf der Seite gedrückte, stampfende und gelegentlich bis zur Mastspitze bebende Boot im Zickzack Kurs die Küste hoch. Die Sonne wandert und lässt die Terrassen der Cinque Terre in köstlichem Grün leuchten. Der Wald, die Weinberge und das Meer. Die terrakotta-farbenen Würfel der Dörfer kleben wie Bienenwaben an den abschüssigen Hängen, quellen da und dort aus den engen Schluchten hervor. Wir verstehen, warum dieser Küstenstrich einst als uneinnehmbar sicheres Land galt und Piraten die Schlupfwinkel mochten. Eine traditionsreiche Route. Einst schaukelten die Marmorfrachter vom toskanischen Carrara hier nordwärts. Oder die genuesische Seemacht La Superba schickte ein paar Schlachtschiffe zum notorisch widerspenstigen Pisa. Am späten Nachmittag lässt der Nordwestwind locker. Mit ungerefften Segeln spurten wir im letzten Licht auf die Landzunge von Portofino zu. Die Sonne verschwindet hinter den Bäumen. Die kurze Dämmerung des Südens lässt wenig Zeit zur Orientierung. Rechts funkeln bereits die Lichter von Rapallo und Santa Margherita. Portus Delphini. Ein perfekt geschütztes, ostwärts in den Golf von Tigullio geöffnetes Becken, ein schluchtartig enges Versteck. Einst, im Zeitalter der motorlosen, schwerfällig zeitfressenden Frachtsegelei eine willkommene Zuflucht oder gern wahrgenommener Zwischenstopp. Heute ein gediegenes Idyll am Ende des Naturschutzgebiets Monte di Portofino. Hier muss alles bleiben, wie es war. Für den Menschen, den notorischen Veränderer, ein praktisch unhaltbarer Zustand. Portofino gehört zu den wenigen Orten der Welt, wo er gelingt. Der Wind wird unstet, das Meer beruhigt sich. Aus rauschender Fahrt wird sanftes Plätschern. Eine mächtige Kiefer beschirmt das Gemäuer der Burg San Giorgio, wo der englische Konsul Montague Yeats-Brown seinen Tee trank, die Champagner Baronin von Mumm die famose Aussicht nach Rapallo zu Füßen des Apennin-Gebirges genoß.Kerzengerade stehen die Zypressen am Hang, stumme Wächter des subtropischen Gartens. Eine eigenartige, jenseitig schöne Enklave. Klösterliche, gelegentlich von sarazenischen Rabauken, heute dem unermüdlichen Fremdenverkehr besuchte Abgeschiedenheit. Heute Abend herrlich still und fern von dieser Welt, beinahe wie vor hundert Jahren, als das Fischerdorf mit den pastellfarbenen Fassaden und grünen Fensterläden von adligen Riviera-Lebenskünstlern entdeckt wurde. Damals war die Ortschaft auf einem Maultierpfad durch Kiefernwälder und Olivenhaine, oder mit dem Boot zu erreichen. Wir verstauen die Segel, richten das Boot zum Anlegen her und tuckern an „Orion“, einem herrlichen Camper & Nicholson Fahrtenschoner von 1910 vorbei. Er passt zur Reede von Portofino, wie das Splendido Hotel im ehemaligen Klostergebäude über die Bucht. Ist es die abendliche Stille, die bezaubernde Schönheit des Naturhafens oder die Verfassung, in der wir ihn nach einem erlebnisreichen Segeltag erreichen? Portus Delphini. Keine Elefantenrücken mit Schaumkronen, keine knatternden Segel, polternden Umlenkrollen, knirschenden Schotwagen mehr, kein knisternder Mast, kein Reffen, keine bangen Blicke in den Himmel voraus, keine Schläge unter den Bug. Die Sorge um Besatzung und Schiff bleibt zurück. Wir atmen den betäubenden Blütenduft und genießen den Blick nach oben, unter die von Scheinwerfern beleuchteten Blätter. Wir vergessen die Soziologen und ihre Studien über den Zusammenhang von Geld und Glück. Auf das Ristorante Puny und Splendido, die sagenhaften Preise und ganze VIP-Gedöns mit Donatella Versace und Giorgio Armani pfeifen wir. Heute Abend ist Portus Delphini ein römisches Refugium, Enklave der Zufriedenheit, ein vollkommener Naturhafen. Das Wasser plätschert um die Isolotto-Steine, gluckst die Umberto Mole entlang. Die Arche schaukelt sanft. Wir lümmeln uns in die Sitzkuhle des Bootes, plaudern ein wenig mit den Segelfreunden und werden still.

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Der Wald, die Reben und das Meer

An einem schmalen Streifen der Steilküste Liguriens kleben fünf Dörfer, die Cinque Terre, im Fels. Derart schön, dass alle mal kommen, gucken, Sardellen futtern und am liebsten dableiben würden. Die Sonne glitzert auf dem trägen Gewoge des ligurischen Meeres. Kaum von einer thermischen Brise geschuppt, hält es noch seinen Mittagsschlaf. Links der Gleise eine Ortschaft, rechts etwas Strand. Durchgeschüttelt von einigen Stunden Bahnfahrt verlassen wir den Waggon. Monterosso al Mare. Am Meer, wo sonst könnten wir mit dem Mensch sein beginnen? Verreisen ist Wahnsinn. Nur daheimbleiben wäre schlimmer. Ab und zu muß der Mensch mal richtig weit weg. Städte, das hügelige Zwiebelturmland und Flüsse queren, in nachtschwarzen Tunneln und dämmrigen Galerien durch Alpen und Apenninen rasen und im nördlichsten Ort der legendär hübschen Cinque Terre, der fünf entlegenen Dörfer Liguriens aussteigen. Ein Gebirgsbach, der durch den Sand rinnt. Fischerkähne, die Sonne. Akazien, Mimosen, Pinien, eine Palme – prima. Betagtes Gemäuer, eine katholische Kirche. Monterosso al Mare. Gibt es einen geeigneteren Ort, den Mumpitz eines Alltags, den wir uns durchaus anders vorstellen können, hinter uns zu lassen? Eine Albergo findet sich. Wir haben eine wichtige Verabredung. Eine Verabredung mit uns. Wir reden nicht bloß davon, „wie schön es wäre, hier mal zwei Tage zu bleiben.“ Wir bleiben. Zwei Tage. Warten einfach ab, bis der Kopf, der notorische Nachzügler allzu schneller Auto-, Bahn- oder Flugreisen, eingetroffen ist. Die 12 Kilometer lange Via Lungomare verbindet die berühmten fünf Dörfer der Steilküste Liguriens: Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore. Der italienische Alpenverein bezeichnet die Route, einen der schönsten Wanderwege der Welt, schlicht als Nummer zwei. Zu früher Morgenstunde, wo der normal menschliche Phlegmatiker noch schlummert, folgen wir den Stufen aus grobem Gemäuer durch hüft- bis schulterhohe Weinstöcke. Der Weg ist ziemlich eindeutig, mit reichlich Farbe in rot und weiß markiert. Das ist nett vom italienischen Al­penverein, denn wer kann so früh am morgen schon drei Sachen gleichzeitig tun, gehen, Karte gucken und denken? Die Hähne legen sich lärmend ins Zeug, die erste Bahn der Strecke Genua – La Spezia rauscht übers Viadukt und ver­schwindet im Tunnelschlund. „Eine felsige, strenge Landschaft, die in ihrer Wildheit an Kalabrien erinnert, Zuflucht für Fischer und Bauern, die sich an ein Fleckchen Strand klammern – bloßgelegter und fei­erlicher Rahmen für eine der ursprünglichsten Gegenden in ganz Italien … wenige Dörfer oder Weiler, die sich zwi­schen Fels und Meer zwängen,“ faßt der italienische Dich­ter Eugenio Montale den Reiz der Gegend in den zwanziger Jahren zusammen. Besonders gut hat er sich mit den Ein­geborenen nicht verstanden, doch sind schreibende Men­schen dazu da? Dem Leben zugucken und sich fraternisie­ren sind zwei verschiedene Beschäftigungen, welche nicht immer von einer Person beherrscht werden. Außerdem sind die Ligurier stolze, dem Fremden eher skeptisch denn aufgeschlossen gegenübertretende Leute. Ein bisschen provinziell. Das mögen wir weniger, doch verständlich ist es durchaus. Denn die Provinz ist derart schön, daß alle mal kommen, gucken, Sardellen futtern und am liebsten da­bleiben würden. Überhaupt, die Sardellen. Heute gibt es ja überall alles. Sushi in Soho, Pesto in Pellworm oder Scholle in Schlan­genbad. Die Sardellen ißt man übrigens wie die Schollen am besten dort, wo sie herkommen. Einst waren die Sardellen kleine Fische für kleine Leute. Weil die Fischer von Monterosso oft schlauer waren als ihre Beute, brachten sie meistens gut gefüllte Netze von der Punta Mesco mit. Denn vom Weinbau allein und dem bißchen Landwirtschaft wurden sie nicht satt. Im Mai und Juni ißt man die kleinen Fische mit dem festen Fleisch frisch mit Ölivenöl und dem Saft der ebenfalls legendären Zitronen von Monterosso – verfeinert mit Oregano, Knoblauch und Petersilie, später mariniert oder gebraten. Wie überall auf der Welt haben abgekochte Marketingstrategen in der cucina aus der Not­lösung für arme Schlucker einen derartigen Kult gemacht, daß man für die klitzekleinen Fische mit dem festen Fleisch und ein, zwei Fläschchen hiesigen Bianco manchen Euro opfert. Wer geneigt ist, sich darüber aufzuregen, speist an­ders oder bleibt zuhause. Wir verzichten auf’s Dessert und begeben uns zivil zeitig in die Albergo, denn die spektakulär schöne Via Lungomare wird am besten ausgeschlafen und mit sicherem Tritt begonnen. Ziemlich lange schon siedeln Menschen zunächst weit oben auf den unwegsamen Hängen des bei den Inseln Palmaria, endgültig den Eilanden Tino und Tinetto im Meer verschwindenden Bergrückens, später gehen sie hinab ans Wasser. Bis annähernd achthundert Meter erhebt sich das Gebirge. Die unzugängliche Steilküste bot Schutz vor feindlicher Übernahme, dem barbarischen Zugriff auf Weib und Kind, dem Raub von Hab und Gut. In prekärer Hang­lage lebte man isoliert, zunächst vom Weinbau, später kam der Fischfang hinzu. Ein hartes, einfaches Leben. Zwei Kulturen, zwei Welten an einem kurzen, wenige Kilometer messenden Küstenabschnitt. Heute schützt die Lage der Dörfer in engen Tälern und abschüssigen Hängen vor ganz anderer Barbarei: vor Betonierung, Zersiedlung und der automobilisierten Zerstörung des Idylls – allerorten zu be­sichtigenden Folgen des Fremdenverkehrs. Schwer zu sagen, wer mit der Fron des Weinbaus ent­lang der abschüssigen, nach Südwesten geneigten Hänge begann. Wahrscheinlich erkannten Bauern vor sieben Jahrhunderten den Wert der sonnenverwöhnten, zugleich sicheren Südwesthanglage und verwandelten mit der qua­dratmeterweisen Rodung von Macchia und Wäldern die Hänge in diese einzigartige Kulturlandschaft. Der Boden auf den engen Rebterrassen mußte auf Knien gepflügt werden. Die trocken, ohne Mörtel errichteten Mäuerchen verzögern den Abfluß des Wassers nach heftigen Nieder­schlägen und verhindern Erdrutsche. Würden die unteren Terrassen besonders abschüssiger Lagen vernachlässigt, kann der gesamte darüberliegende Hang abrutschen. Deshalb darf das Natur-Kunstwerk der Cinque Terre nicht aufgegeben, müssen die sogenannten cian, die Rebter­rassen weiter bewirtschaftet werden. Doch welcher junge Italiener hat Lust, sich zwischen die Weinstöcke gebückt in brütender Hitze die Fingernägel schwarz zu schuften? Das ist uncool. Er träumt vielmehr davon, irgendeine komplett stussige Sendung in Mailand zu moderieren, ewig jugend­liche Trends zu „scouten“ oder als Content Manager dürf­tige Inhalte mit virtuellen Bilderwelten und cooler Animation selbstredend online aufzupeppen. Davon läßt sich die täg­lich akkumulierte Gebühr für’s Cellulare löhnen und es gibt dazu noch einen Smart vor die Haustür. Doch der paßt in den Cinque Terre nicht mal hochkant vor die Tür. So wird das Handwerk der Pflege und Wiederherstellung der „muro a secco“ genannten Trockenmauern nach und nach vergessen, bröselt die über Jahrhunderte von Men­schenhand geschaffene Landschaftsarchitektur der Rebter­rassen dahin. Die regionalen Fördergelder zur Sicherung der cian reichen nicht. Der Konsument und durstige Wan­derer könnte es richten, indem er für lokale Weine zahlt, was Winzer für den Cinque Terre Bianco und den typischen Sciacchetrà samt einhergehendem Landschaftsschutz brauchen. Leute: Blöd und billig geht immer, Kultur kostet. War doch schon immer so! Wird auch im 21. Jahrhundert nicht anders. Der Sciacchetrà wird als Passitowein nach dem DOC-Gesetz von 1973 zu 60 Prozent aus Bosco, an­sonsten aus Vermentino oder Albarola Reben gekeltert, wobei die Trauben von dem Pressen zum Trocken in küh­len und gut gelüfteten Gewölben ausgebreitet rosiniert wurden. Obgleich für den Sciacchetrà strenge Vorschriften gelten, mache man sich angesichts unterschiedlicher Anbaube­dingungen auf Überraschungen gefaßt. Die Winzer von Monterosso, Riomaggiore, Tramonti di Bassa, Tramonti di Campiglia und Vernazza pflücken ihre Trauben in weit aus­einanderliegenden, oft gerade mal zimmergroßen Anbau­flächen, teils ganz unten am ligurischen Meer, teils oben am Hang in schwindelnder Höhe. Die ambitionierte Coope­rativa Agricultura Cinque Terre bemüht sich um die Fortset­zung von Handwerk und Kultur des tradierten Weinanbaus. Der Saft der raffiniert rosinierten Reben ist so eigenartig wie der reizvolle Küstenstrich. Als „Wein von aromatischer und komplexer Süße ist er ein Tropfen für Kardinäle und reifere Damen“ beschrieb Paolo Monelli anno 1935 in sei­ner „gastronomischen Reise durch Italien“ mokant die Vor­züge des Erzeugnisses. Zeit für eine Pause im ligurischen Vorzeigedorf Vernazza. Der abschüssige Pfad schlängelt sich oberhalb des Tun­nels der ligurischen Metro durch die Rebterrassen. Unter uns die Stimmen fröhlich am Strand spielender und im Hafenbecken planschender Kinder. Im Schatten der Bäume einige Bänke, dahinter die Piazza zwischen der Kirche am Wasser, pastellfarbenen Häusern, dem Castello Belforte und dem wehrhaft runden Turm auf dem Fels. Ein Idyll, bei­nahe nicht mehr von dieser Welt. Der Blick auf Vernazza gehört neben dem Postkartenmotiv Portofinos zu den meistfotografierten Urlaubsbildern des Mittelmeeres. Kaum zu glauben, aber wahr, daß die Germanen sich während der Besetzung der Appeninhalbinsel auf ihre Weise auch um die Cinque Terre, zum Beispiel mit der Einebnung des Turms über Vernazza für eine Flak-Stellung, kümmerten. Eine Focaccia, ein Weißbrot mit Kräutern – meine Favo­riten: Oregano oder Thymian – und aromatischem Olivenöl, dazu ein Wasser. Im Schatten dösend beobachten wir den sprichwörtlich internationalen Trubel. Daß die Orte voller Urlauber sind, ist nicht so schlimm. Leute, die noch zu Fuß gehen, sind meistens in Ordnung. Das Geheimnis der heiteren und guten Athmosphäre in den Cinque Terre ist, daß sie sich für den rast- und besinnungslosen automobi­len Durchreisetourismus, wie er praktisch jedem Ur­laubsziel unserer Tage übel mitspielt, nicht eignen. Es gibt wenige noble Skiorte, wo der Autoverkehr von klugen, wirk­lich an die Zukunft denkenden Menschen konsequent aus­gesperrt und so der Charme bewahrt wurde. Die unweg­same Steilküste und die engen verwinkelten Gassen der Cinque Terre Dörfer regelte das auf natürliche Weise. Das aberwitzige Projekt einer kühn in luftiger Höhe dem Hang mit Brücken und Tunnels abgerungenen Schnellstraße kam auf halber Strecke zum Erliegen. Der Stolz der Wein­bergbesitzer und das sagenhafte Phlegma der landestypi­schen Bürokratie erledigte es. So zuckeln allenfalls früh­morgens und spät am Abend kleine dreirädrige Lieferwa­gen zur Versorgung der Einheimischen, Pensionen, Re­staurants und Geschäfte durch Vernazza. Ansonsten gehört das Nest dem Fußvolk. Überall neugierig junge bis kaum gealterte Leute mit Rucksack und mancher, der sich aus guten Gründen für einige Tage in einem der zahllosen Fremdenzimmer einquartiert. Man läßt die Sonne aufgehen, ein kleines Colazione, greift endlich zum länger bereitge­legten Buch, geht zwischendurch über den flachen Sand­strand des Hafenbeckens baden, dreht eine kleine Runde um die Mole, hat Zeit für sich. Die Protagonisten der Komödie des Lebens sind in die­sem Ort rasch ausgemacht. Sie treten in der unausweichli­chen Enge der von der Bahnstation zum Bonsaihafen samt Piazza führenden Via Roma während unserer ein-, zwei­stündigen Faulenzerei wiederholt zwischen Trattoria und Tabaccherìa auf. Man wird hier unmerklich vernazzt. „Wollen wir nicht zwei Tage bleiben?“ „Nö, sind wir doch erst ge­stern in Monterosso. Außerdem sind wir doch zum Wan­dern gekommen.“ „Hm. Stimmt eigentlich. Okay, noch ein Cappuci.“ Einst wurden hier die Fässer mit dem berühmten Ver­naccia Rebensaft auf die Schiffe gerollt. Seit jeher verding­ten sich die Vernazzaner als Köche, Kellner und Matrosen. Außerdem verstanden sie sich auf einträgliche Schnäpp­chen in Gestalt kühner Kaperfahrten. Zudem waren sie eher den Pisanern als der Großkopfeten aus La Superba zugetan. Mit einer Delegation Knüttel- und Säbelkünstler zeigten die Genueser im 12. Jahrhundert den lästigen Bur­schen, wer zu Füßen der Cinque Terre künftig den Most holt. Als richtige Ligurier haben die Vernazzaner den insu­lanerhaften Stolz darüber natürlich nicht verloren. Heute nutzt er ihnen als Bollwerk vor dem Ansturm des Fremden­verkehrs. Sie ertragen ihn gelassen. Außerdem kommen viele Landsleute. Die Polts stellen ihren Passat nach wie vor in Sichtweite des Strands von Rimini ab. Ein Geheimtip sind die Cinque Terre längst nicht mehr. Der Reiz der verschachtelten Ortschaften zu Füßen der teils felsig schrof­fen, meist herrlich grünen Steilküste hat sich herumge­sprochen. Deshalb verlassen wir für heute die Via Lungomare. Der wassernahe Pfad ist bei Cinque Terre Pil­gern aus der halben Welt einfach arg beliebt. Wer Ruhe sucht muß ausweichen, bergauf gehen und schön tief durchatmen. Es wird steil. Wir passieren den Bahnhof und folgen dem Pflaster durch’s tief eingeschnittene Tal. Letzte Häuser, da und dort plätschert der Bach. Klitzekleine Ge­müsegärten, über uns das saftige Grün der Weinberge, der weiße Wattebausch einer Schönwetterwolke im azurblauen Himmel. Kaum ein Lüftchen geht, es ist warm wie im Ge­wächshaus. Später kurven wir um gelb blühende Wolfs­milchbüsche, genießen die Kühle im Schatten wuchtiger Steineichen und Kastanien. Die Zikaden haben wieder Ge­neralprobe und die Schmetterlinge machen Modenschau. Die aktuellen Farben der siebziger sind angesagt: Rot und orange. Die Häuser von Riomaggiore quillen wie die Vernazzas aus dem engen Tal heraus. Wie Bienenwaben kleben die Behausungen Manarolas am Fels. Atemraubend steile An­stiege über grob geschichtete Treppen, Maultierpfade auf den Höhen. Ein Blick, der uns die Spucke nimmt: auf tief­grüne Weinberge vor stumpfgrünen oder dunkel- bis hell­blauen Wogen, dazwischen das pastellfarbene Gewürfel der Dörfer. Gelegentlich das Gleis eines Tenino, der Zahn­radbahn zur Bewirtschaftung der Weinterrassen. Der Wald, die Reben und das Meer. Wie ein Krähennest thront Corniglia auf einem Felsvor­sprung. Unmerklich geht das matte Blau des Meeres in der Ferne in den hellen mittelmeerischen Dunst über. Es scheint, als stünden die rot bis ockerfarbenen Häuser vor dem Nichts. Am späten Nachmittag erreichen wir die ruhi­gere Ortschaft unter den Cinque Terre. Ob es an den 365 Stufen liegt, die vom Bahnhof der ligurischen Metro hier rauf führen, dass das Nest weniger überlaufen ist? Der Ausguck in hundert Metern Höhe bietet einen herrlichen Blick zurück zur Punta Mesco. In einer Pension findet sich sogar noch eine Bleibe. Das „Risotto alla Cecio“ im Steintopf mit Meeresfrüchten und Kräutern haben wir uns verdient. Außerdem engagieren wir uns heute abend mal gründlich für den hiesigen Weinbau. Die Mondlaterne hängt still über dem nachtblauen ligurischen Meer und irrlichtert silbrig über’s Wasser. Was wollen wir mehr – außer noch einen Tropfen vielleicht, den für Kardinäle und reifere Da­men.