Die Woche der feinen Unterschiede

Wie die „Les Voiles de Saint-Tropez“ zustande kam und was den Ort alljährlich im Herbst zur 40. Kalenderwoche so sehenswert macht. Von Erdmann Braschos

Jedes Jahr Ende September versammelt sich eine feine, vom örtlichen Bonsai-Yacht Club de Pampelonne ausgesuchte Flotte klassischer Segler und moderner Rennyachten in der weiten, tief in die Côte d’ Azur reichenden Bucht zwischen Sainte-Maxime und Saint-Tropez. Wenn die Kapitäne die Glocke auf dem Kirchturm über der kleinen ockerfarbenen Kuppel der Église Paroissiale mitten im Ort erkennen können, drehen sie die Nase ihrer Yachten in den Wind. Flatternd gleiten die Segel an Deck und werden verpackt. Langsam dieselt die Prozession der Nautiquitäten die lange Kaimauer entlang in den alten Hafen des einstigen Korsarennests.

Concours des guten Geschmacks

Die inoffizielle Weltausstellung klassischer Segelyachten, der Concours des guten Geschmacks, hat begonnen. Alles, was alt und edel, authentisch und schnell segelt, ist zur 40. Kalenderwoche da. Die schönsten Exemplare aus zwei Jahrhunderten Segelsport, bis zu 200 überwiegend klassische Rennyachten drängeln sich im Hafenbecken zu ihrem gediegen gefeierten Saisonabschluss. Dieses Jahr das 17. mal.

Monsieur Pierre André de Suffren, Marquis von Saint Tropez, blickt zufrieden vom marmornen Sockel neben dem Hotel „Sube“ und der Bar „Le Gorille“ aufs Hafenbecken. Der wohlgenährte kupferne Landeshauptmann hat sein Horn (oder ist es ein Fernrohr?) abgesetzt. Die Barbarei des Sommers ist in die Flucht geschlagen. Seine Freunde, die Liebhaber des Meeres und ihre Schiffe sind angekommen. Der alte Marquis ist zufrieden. Jetzt dient der Vieux Port von Saint Tropez ausnahmsweise nicht als Kontakthof der Neureichen und Goldkettchen-behangener Adabeis, fungiert die Arena zwischen den pastellfarbenen Fassaden des seit circa hundert Jahren totgesagten Lebenskünstlerdorfs nicht mehr als Szenetreff ludig übermotorisierter Powerboote, die mit grollenden Motoren unter der Liegewiese für gelenkige Mädchen losröhren und – Wumm Brumm – den Putz von den Häusern ringsum bröckeln lassen. Wie lange hat der alte Bailli diesen Sommer wieder Badelatschen, helle Socken, Fritten, Sonnenöl und Camcorder ertragen und benebelt vom Hautgout plebejischer Kurzweil auf diesen Augenblick gewartet?

Jetzt wo die Côte abkühlt und die Tage kürzer werden, ist seine Heimat beinah so schön, wie einst, als die Pointillisten hier festmachten und zum Pinsel griffen.Saint Tropez, immer noch die schönste Kurtisane des Tages- und Gucktourismus am Mittelmeer, räkelt sich im herrlich weichen Herbstlicht der Provence und ist bereit für die letzten Gäste der Saison: Lautlos gleiten die endlos langen Leiber der großen alten Damen des Yachtsports, wie die J-Klasse Renner „Astra“ oder „Candida“ in die spiegelglatte Wasserfläche des Hafens, kommen zum Stehen und versuchen unter endlos langer Takelage mit schnaubenden Hilfsmotoren zu drehen. Schwimmende Skulpturen und Botschafterinnen eines vergangenen Zeitalters. Anno ‘28 bei Camper und Nicholson im südenglischen Gosport, dem Hauslieferanten des segelnden Königreichs, gebaut, gehören sie jetzt in diese Arena wie Earl Greys Tee ins Commonwealth. Sofern sie nicht restauriert werden oder den Eigner wechseln. Ihr Nationalitätenzeichen „K“ steht schlicht für Kingdom. Bürgerliche Emporkömmlinge namens Vanderbilt, Sopwith, der Teebaron Sir Thomas Lipton oder der einstige Woolworth Boss W. E. Stephenson schmissen ein Vermögen ins Wasser, um mit dem Betrieb solch 160 Tonnen schwerer Segelsaurier gleichzuziehen. Mit diesen 40 Meter langen Segelmaschinen feierte die herrschende Klasse damals ihr fin-de-siècle. An der Côte findet die Party bis heute statt. Der alte Marquis findet das in Ordnung.

Ob von den elegant vors Kai ragenden Hecks der weißen Zweimaster „Altaïr“, „Puritan“ und „Orion“, dieses Jahr wieder die armdicken Trossen zum Vertäuen aufs Quai Suffren geworfen werden? Sie wurden einst nach dem Vorbild der neufundländischen Grand Banks Fischerboote bloß fürs Pläsier gebaut. Wird „avvocato“ Giovanni Agnellis einstiges Liebhaberstück, der schnörkellos schlichte schwedische Mahagonirenner mit dem geheimnisvollen Mädchennamen „Agneta“ unter rostroten Segeln wieder mit Baron Edmond de Rothschilds alter „Gitana“ oder Erroll Flynns früherem Wasserspielzeug „Karenita“ durch den Golf pflügen? Wird die Siegerin der Segelwoche ‘93, der liebevoll instandgesetzte Gaffelkutter „Tuiga“ wieder mit einer Horde monegassischer Lustschiffer unter einer Wolke beige patinierter Segel um die Bojen brettern, wie Schumi daheim die engen Kurven des Königreichs nimmt?

Ob der französische Segelstar Eric Tabarly sein in Kürze hundert Jahre altes Erbstück, den charmanten schwarzen Segelkutter „Pen Duick“ nochmals an der langen Ruderpinne hockend vor der eigentlich schnelleren Konkurrenz als erster um das Seezeichen über der Nioulargue Untiefe steuern wird? Dieser Untiefe draußen im Golf verdankt die piekfeine Segelwoche ihren Namen. Und wird der Hamburger Peter König mit seinem Miniklassiker, seiner keine sechs Meter messenden „Hansajolle“ heuer das fünfte Mal vor der Mole pütschern? Der alte segelnde Tausendsassa Henry Rasmussen dachte sich das Boot mit dem Malteserkreuz im Segel Anno ‘48 aus, damit die Handwerker seiner legendären Holzbootswerft A&R in Bremen-Lemwerder nicht vergessen, wie man gute Holzschiffe tischlert.

Niemand, außer Patrice de Colmont, hier „bon homme de Pampelonne“ genannt, weiß es. Er hat das VIP-Geschwätz gefressen. Namen sind Schall und Rauch. Eigner kommen und gehen. Sie erben, prosperieren und – gehen. Die Schiffe bleiben, werden bewahrt und weiter gereicht wie ein geliebtes Musikinstrument. Ihre Namen auch. Kein vernunftbegabter Mensch tauft sein Schiff um. Es brächte Unglück. Und sind die geheimnisvoll schlichten, gelegentlich ein wenig preziösen Namen nicht verschlüsselte Botschaften aus einer verlorenen Zeit, denen es nachzuspüren gilt? Suchen die meisten Menschen mit dem Erhalt einer zeitlos schönen Antiquität nicht die Illusion, die Uhr anzuhalten, sie gar zurück zu drehen? Geht es um die Würde und Ruhm, sie eine Weile zu besitzen?

Liebhaber, wie der Schweizer Geschäftsmann Albert Obrist stecken ein Vermögen in die unglaubliche Verwandlung muffig rotten Gebälks in einen mit restauratorischer Akribie wiederhergestellten Klassiker, um sich das fertige Schiff im Schatten der Markise eines gegenüber, in geeignetem Abstand liegenden Bistro bei einem café créme einfach nur anzuschauen. Sie lieben das Detail, die oben halbrund über die Reling ragenden Fensterscheiben im viktorianischen Stil. Ihr Glück ist der Blick auf das ziemlich große Ganze, ihr Schiff. Augenmenschen wie Obrist genießen die Spannung der dezent zwischen Bug und Heck geschwungenen Deckskante, können sich nicht satt sehen an den Proportionen der geneigten, warm im Sonnenlicht schimmernden Deckshäuser. Ihre Blicke fahren die kühn geneigte Takelage, die Geometrie der Bäume, Gaffeln, Masten und Stengen hinauf und hinunter. Die Magie der golden in die Bordwand eingeschriebenen Ziergöhl und des stilisierten Drachenkopfs – das Markenzeichen der schottischen Yachtbaudynastie Fife of Fairlie – wirkt bis heute. Welches wurmstichige Wrack werden sie als nächstes aus dem Modder des Vergessens ziehen? Klassische Yachten sind eine Droge. Sie lässt solide Männer über ihre Verhältnisse leben und gibt zerrütteten Ehen den Rest. Die Passion ihrer Eigner treibt manch‘ großes Unternehmen in gefährliches Fahrwasser. Die letzte große Liebe des Modezaren Maurizio Gucci war der 65 Meter messende schwarze Dreimastschoner „Creole“. Oder war es der kleine knuffige Kutter „Avel“, den Gucci eigens zur Nioulargue herrichten ließ?

Die erste Oktoberwoche ist ein großes Fest für alle Liebhaber schöner Schiffe, egal ob als Eigner oder zum Staunen, als Besitzer oder Zuschauer gekommen. Die Segelwoche zeigt die Sonnenseiten des Kapitals: am schönsten gegen Nachmittag, wenn das Licht über die Höhen bei Grimaud gewandert ist und die pastellfarbene Arena der alten Häuser ausleuchtet wie für einen ausgelassenen Film, bei dem alle aufgeregt durchs Bild laufen. Herrlich, jetzt im Senequier oder Cafe de Paris seinen Pastis zu schlürfen. Oder draußen auf den großen warmen Steinklötzen der Mole hockend einfach nur den Zieldurchgang zu verfolgen.

Den Logenplatz auf manche, weit in die Baie de Cannebiers durch azurene Meer pflügende Yacht bietet das Gemäuer der Zitadelle über der Stadt. Wenn das einstige Korsarennest im letzten Sonnenlicht zu glühen beginnt, die Schiffe nach und nach zurückkehren von ihrer herbstlichen Fête de la mer, ist Saint Tropez nicht mehr von dieser Welt. Der Ernst des Lebens, Arbeit, Hausse und Baisse der Börse, die Sorgen des Festlands sind irgendwo hinter der ersten zackigen Kette der französischen Seealpen verschwunden. So beschließen hunderte von Seglern den Abschluß ihrer Segelwoche mit einer Wasserschlacht, die manches Abiturfest blass aussehen lässt. Pralle, wassergefüllt durch die Luft wabbelnde Luftballons eiern in ballistischen Kurven über den Vieux Port, fliegen von Yacht zu Yacht – und zerplatzen über den fröhlich zurückwinkenden Heimkehrern. Kein Auge, Bootsdeck und T-Shirt bleibt zum Abschluß des letzten Segeltags trocken.

La Nioulargue ist vor allem eine Überraschung. Selbst wenn sie nicht stattfindet, passiert sie. Die Segler lassen sich ihr Fest nicht nehmen. Als der riesige nachtblaue Zweimaster „Mariette“ im Eifer des Gefechts versehentlich die kleine offene Rennyacht „Taos Brett“ Anfang Oktober ‘95 versenkte, wurde der Kasus ausgerechnet während der Segelwoche ‘96 verhandelt. Die Regatta fiel aus. Dennoch kamen 160 Yachten und segelten inoffiziell. Der dicke kupferne Marquis mit dem Standbein hinten unter dem Mantel, dem Spielbein vorn, lächelte mild übers Quai Suffren.

Die Segelwoche ist nicht so gewollt wie ein Konvent der Ferraristi. Sie ist so selbstverständlich wie ein bourgeoises französisches Abendessen, wo keiner an die Rechnung denkt. Es hat viele Gänge und ist Teil einer offensichtlich glückenden Lebensart. Vielleicht kommen deshalb die Deutschen so gern hierher, soweit sie überhaupt von der „Niou-was?“ gehört haben. Vor Jahren kreuzte die frisch restaurierte „Ashanti“ der bremischen Burmester Werft hier auf. Jetzt will ein norddeutscher Reeder und mit einigen Wassern gewaschener Regattasegler mit steuerlich vorteilhaftem Zweckwohnsitz Zypern an Bord seiner dunkelblauen „Happy Four“ hier debütieren. Veranstaltungen dieses Zuschnitts nobilitieren den Ort und sein Besucher und machen aus ihm wieder einen Fixpunkt der gehobenen Geselligkeit a la Bayreuth, Salzburg oder Wien. Wer ko, der ko. Wer nicht ko, kommt trotzdem. Zum Zugucken, wie andere können. So gesehen ist Saint Tropez Anfang Oktober der schönste Ort zum neidlosen Dabeisein.

Während die Eigner sich mit ihrer Familie, im Kreis von Freunden und Geschäftspartnern an einen der längst vorab reservierten Tische in den ausgebuchten Restaurants des Orts wohl sein lassen, mit geeignetem Werkzeug dem aufgetischten Meergetier zuleibe rücken um den Inhalt entspannt parlierend  – santé – mit einem Schluck Dom Perignon runterspülen, füllen sich die Kaimauern rings dem sanft glucksenden Vieux Port Abends mit Schaulustigen und Yachtcrews, dem Troß der Freunde und Verwandten. Abseits, am Quai G. Peri und an den Stegen, wo sonst die Ausflugsboote losfahren, sind die modernen Rennyachten zu Dutzenden vertäut. Unter normalen Umständen würde jede dieser perfektionierten Sportgeräte einen Menschenauflauf auslösen. In der ersten Oktoberwoche gehen die sogenannten Zwölfer der einstigen America’s Cup Klasse schlichtweg unter. Auch die 25 Meter messenden Big Boats der bulligen Maxi-Klasse, bis vor Kurzem noch der letzte Schrei auf den Regattabahnen, nehmen sich neben den großen Traditionsyachten aus wie ein Heimtrainer neben einem Duesenberg-Coupé.

Die Ehrenplätze gehören „Pride“ und „Ikra“. Das vergleichsweise kurze schwarze Dickschiff des Amerikaners Richard Jayson vom Typ „Swan 44“ und der schlanke lange schneeweiße Renner des Franzosen Jean Lorrain liegen dort, wo man sich in Saint Tropez trifft, trennt oder verabredet: Vor dem „Senequier“, wo die rue Victor Laugier am Hafen endet. Die beiden Yachten verschwinden zwischen den wuchtigen Nachbarn. Fast könnten sie als Beiboote die Bordwand von klassischen Wuchtbrummen wie „Shenandoah“ hochgehievt werden. Mit diesen ungleichen Teilnehmern begann die Segelwoche bei einem Grillfest am Strand von Pampelonne. Bald dirigierte Herbert von Karajan seine silberrote „Helisara IV“ mit einem Dutzend Decksarbeitern durch den Golf.

Die Zeiten sind vorbei, wo einfach aus Spaß an der Freud gesegelt wird. Die beliebte Segelwoche professionalisiert sich. Zunehmend bekommen die besten Rennsegler der Welt zur Nioulargue das Steuer in die Hand. Mancher Profi bringt seine Segellegionäre zum perfekt orchestrierten vorheißen, rankurbeln und Feintrimm der Segel gleich mit. Das Fortbewegen einer klassischen Yacht ist Hand-, Knochenarbeit. Zu Königin Viktorias und Eduard VII. Zeiten gab es keine Segelwinden. Neben Bizeps braucht es Grips und Erfahrung, wann an welchem Tau zu ziehen ist. Eine moderne Winsch an Bord einer historischen Yacht wäre ein Fauxpas. In puncto Handhabung sind Klassiker Galeerenschiffe für Freiwillige. Sie stehen Schlange.

Dann leert sich der Hafen. Bars, Boutiquen und Restaurants schließen für den Winter. Die Rolläden krachen auf die Simse und die letzte Yacht tobt bei frischem Wind in die Weite des Mittelmeers davon. Jetzt, wo niemand ihn beachtet, hält es der alte kupferne Haudegen nicht mehr aus. Der Patron der Nioulargue lupft sein Fernrohr (oder ist es ein Horn?), sieht sich das herrliche Schauspiel draußen vor der Mole an und nickt zufrieden.

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