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Sylter Schlagzeilen

Wie auf der beliebten Insel die Auswüchse der modernen Industriegesellschaft deutlich werden. Was erreicht wurde, wer bremste und damit welche Maßnahmen verhindert hat. Bis zum Sommer 1988 war auf Sylt die Welt noch in Ordnung. Die übliche Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness gab sich ihr alljährliches Stelldichein. Zwischen Gogärtchen und Ellenbogen tummelten sich Hunderttausende von Badegästen am Strand. Die Bädergemeinschaft der Insel freute sich über gewohnte Zuwachsraten. Dann starben die Robben. Zunächst am Strand der Ostseeinsel Anholt, später an der Nordseeküste. Dann auch auf Sylt. Und in den Schlagzeilen standen nicht mehr die Nackten, Schönen und Reichen, sondern Bilder dahinsiechender Meeresbewohner. Der Erklärungsbedarf war groß, und so kam Sylt zu seinem ersten Umweltbeauftragten. Nun war das Image der Insel angekratzt, denn wen kümmerte es schon, dass das Robbensterben nicht – wie die gängige Erklärung lautete – durch den Schadstoffeintrag in die Nordsee ausgelöst wurde, sondern Ergebnis einer eingeschleppten Viruserkrankung war. Doch es dauerte nicht lange, bis neue Horrormeldungen auftauchten: Algenpest an der Nordseeküste; Kentern einer Bohrinsel; durch die Nordsee driftende Pestizidbeutel. Die Nordsee ist nicht nur ein Urlaubsgebiet für die Industrienationen mit einem der interessantesten und empfindlichsten Ökosysteme der Erde, dem Wattenmeer. Sie ist auch Verkehrsweg, Kloake, Mülldeponie, Endlager. Vor dem Hintergrund hat dieses Meer so etwas wie Glück mit „der Insel“ des Jetset. Der erwartet äußerlich intakte Verhältnisse. Umweltprobleme stören empfindlich. Das Publikum könnte sich abwenden. Das Produkt musste nachgebessert werden. Zwar kündigten die Anrainerstaaten seit Mitte der achtzigerJahre regelmäßig entscheidende Maßnahmen zur Entlastung der Nordsee an, Taten lassen sie freilich selten folgen. Die nächste Nordseeschutzkonferenz kommt bestimmt. Wenn das Image flöten geht, wie kann man der Öffentlichkeit klarmachen, dass das Meerwasser an Sylts Stränden vom Salzgehalt abgesehen stets Trinkwasserqualität hatte? Robbenkadaver und Algenschaum passen nun mal nicht zu Trinkwasserwerten. Gute Meßergebnisse sind dann nicht mehr zu vermitteln. Proteste gegen die Metastasen der Wohlstandsgesellschaft haben auf Sylt Tradition. Schon 1971 wurde Klara Enss, vormals Schaspielerin und Inhaberin einer Künstlerpension in Braderup, durch ihren Widerstand gegen das Atlantis-Projekt weithin bekannt: das Bauherrenmodell für einen 3000-Betten- Komplex gigantischen Ausmaßes blieb Westerland erspart. Die von Klara Enss ins Leben gerufene Bürgerbewegung gegen die touristische Überflutung ihrer Heimat, der „Sylter Ratschlag“, fusionierte 1989 mit Naturschutzgemeinschaften und Heimatverbänden und mündete in das „Integrierte Inselschutzkonzept“. Der Vorschlag stammte vom damaligen schleswig-holsteinischen Umweltminister, Bernd Heydemann. Wer die Aktion „Sylt Dosenfrei“ zu Fall brachte Die von Haus aus gutsituierte Sylter Protestbewegung, eine bemerkenswerte Allianz von Privat- und Geschäftsleuten, sollte als Ideenlieferantin in die kommunale Arbeit eingebunden werden. Das ist gelungen. Doch haben die Mitstreiter gelernt, wie schwer es ist, ihre Ziele durchzusetzen. Klara Enss, die zornige alte Dame des Widerstands auf Sylt, hat zwar nicht resigniert, „aber mit 72 Jahren ist es Zeit, die Verantwortung jüngeren Leuten zu übergeben“, sagt sie. Die großen, nicht allein symbolträchtigen Vorhaben waren nicht durchzusetzen. Die Aktion „Sylt Dosenfrei“ scheiterte zunächst an Aldi, entscheidend an der Handelskette Spar. Auf Föhr hatte die Initiative gegen die Weißblechbehälter Erfolg. Wie beim bundesweit eingeführten Dualen System wird auch auf Sylt der Müll grob vorsortiert in gehabter Manier deponiert. So entsorgten auch die Einheimischen ihr schlechtes Gewissen. Dabei wurde auf der Insel eine viel weitergehende Mülltrennung nachgedacht. Bei jährlich rund 2,8 Millionen Übernachtungen und knapp 22.000 Einwohnern – nicht zu vergessen die Tagesgäste – ist es kein Wunder, dass sich das Problem der Müllbeseitigung auf Sylt zugespitzt hat. Die einzige Deponie in Munkmarsch muss voraussichtlich zwischen 1996 und 1998 geschlossen werden. Insider munkeln auch von 1995. Außerdem wurde versäumt, sie zum Grundwasser hin zu versiegeln. Roland Klokkenhoff, Umweltschützer und Experte für Ver- und Entsorgungsprobleme der Insel meint: „Wenn uns Informationen vorenthalten und Gutachten als Verschlußsache behandelt werden, versanden unsere Bemühungen“. Und wie geht’s nun weiter? Nun, „die Deponie gehört dem Kreis Nordfriesland.“ Vorbildlich ist dagegen die Ausstattung der Insel mit Klärwerken. Derzeit werden die letzten Klärstufen nachgerüstet, zum Beispiel zur Phosphatausfällung. So wird der Nährstoffeintrag (ein Mitverursacher der alljährlichen Algenblüte) ins Wasser reduziert. Hier haben die Sylter Kommunen erreicht, was sich im großen Stil auf dem Festland nicht oder nur schleppend durchsetzt. Die Besiedlung ist großes Problem. Die fortschreitende Bebauung Sylts lässt sich weder aufhalten noch mit Hilfe des „Integrierten Inselschutzkonzeptes“ in geregelte Bahnen lenken. Was vom Umweltminister als Instrument zur Steuerung lokalen Geschehens durch Beteiligung verschiedener Interessengruppen gedacht war, frißt sich auch hier im kommunalen Klüngel fest. Klara Enss: „Wir sind der Sand im Getriebe. Ich habe 25 Jahre gekämpft. Doch der Baumboom geht weiter. Er findet nur anders statt. Es wird verdichtet. Nehmen Sie das Lister Kurhaus. Das soll jetzt mit Apartments aufgefüllt werden. Und für das Kurhaus in Hörnum gibt es auch schon Pläne. Es wird mit Apartments umwickelt.“ 300 Betten sind geplant. Jetzt stehen die 600 Hektar des Flugplatzes (noch im Besitz der Bundesliegen- schaft) zur Debatte. „Die Bau- und Immobilienfirmen geben hier endgültig den Ton an“, berichtet Klara Enss, und Roland Klockenhoff ergänzt: „Wir müssen für unsere Insel und die Natur einen Belastungsstopp erreichen. Die Sylter müssen entscheiden: mehr bauen, höhere Gästezahlen oder die Landschaft schützen, die Umwelt entlasten.“ Zusammen mit dem Heimatverein Söl’ring Foriining fordern sie eine Denkpause. Doch fällt denken schwer, wenn das Geld lockt. Und wie steht’s mit dem Trinkwasser? Die Nitratbelastung liegt zwischen 20 und 30 Milligramm pro Liter; EG-weit sind 50 mg/l erlaubt. Kritische Ärzte warnen für Kindernahrung bei Werten, die zehn mg/l übersteigen. Im Grundwasser unter dem Flugplatz und in einem Wenningstedter Brunnen wurden bereits Pestizide nachgewiesen. Beim Naturschutz kommt es vor allem auf die Sicherung der Dünen an, die entscheidend für den Bestand der Insel sind. Deshalb haben die Aktivisten vom „Integrierten Inselschutzkonzept“ sämtliche Pfade durch die Dünen kartographiert und einen Plan zur landschaftsschonenden Lenkung der Besucherströme von einem Ingenieurbüro entwickeln lassen. Das ist ein Meilenstein für den Naturschutz auf Sylt, im Grunde jedoch eine überfällige Maßnahme, denn die Naturschutzgebiete der Insel zählen zu den ältesten Deutschlands. Die Amrumer Odde ist bereits seit Jahrzehnten abgeriegelt. Skeptiker geben zu bedenken, dass der Natur durch die Ausdehnung der Urlaubssaison weit über die Sommermonate hinaus die nötige Ruhe- und Regenerationsphase fehle. Auch der Autoverkehr müsste eingedämmt werden, da die Abgaswerte in „Spitzenzeiten den Status Westerlands als Nordseeheilbad gefährden“. Das allein wäre Grund genug, dieses Reizthema anzupacken. Ein wirksames Konzept zur Reduzierung war jedoch mit den beiden Monopolisten, der Deutschen Bahn und der Sylter Verkehrsgesellschaft, bislang nicht auf den Weg zu bringen. „Nicht daß wir erfolglos waren“, fasst Klara Enss zusammen, „aber ich sehe keine Wende. Die entscheidenden Dinge kriegen wir nicht durch.“ Das gilt auch für die Entlastung des Meeres. Anläßlich der dritten Internationalen Nordseeschutzkonferenz 1990 vereinbarten die Nordsee Anrainerstaaten in Den Haag, den Stickstoffeintrag in die Nordsee binnen fünf Jahren zu halbieren. Bereits 1993 war klar, dass dieses Ziel keinesfalls erreicht wird. Dennoch gibt es kleine Erfolge. „Nur nutzt es wenig, wenn der Gewässerschutz nur sektoral betrieben wird“, warnt Karsten Reise von der Sylter Niederlassung der Biologischen Anstalt Helgoland in List. „Denn bisher haben Nährstoffeintrag und die Belastung der Nordsee mit Schwermetallen einen bestimmten Level ergeben, auf den sich das Ökosystem eingestellt hat. Es ist schwer, die einander überlagernden, sich gegenseitig maskierenden Effekte zu verstehen und abzusehen, was passiert, wenn der eine oder andere Eintrag in die Nordsee plötzlich zurückgeführt wird.“ Vermutlich würde eine prompte Minderung der Nährstoffzufuhr in die Nordsee bei einem konstanten Zufluß von Schwermetallen zu einer Vergiftung der Meeresbewohner führen, weil sich die eingeleiteten Gifte dann auf weniger Biomasse verteilen. So treiben nicht nur die Algen in der Nordsee, sondern auch die Diskussion um den Gewässerschutz bizarre Blüten Die größten Probleme, die Überdüngung des Meeres und die Luftverschmutzung, wurden durch die Anrainerstaaten überhaupt nicht gelöst oder mit eher symbolischen Maßnahmen (Beispiel: Katalysator) übergangen. Unterdessen verschärft sich der Uberlebenskampf in der Nordsee. 43 Tierarten sind bereits aus ihrem Lebensraum verschwunden. Das große Fressen zu Wasser, zu Land und in der Luft hat begonnen. Die Seeschwalbe ist von der Möwe verdrängt. Noch vor wenigen Jahren zählte die Pfeffermuschel zu den Bewohnern des Watts; jetzt sind ihre Schalen für Muschelsucher ein seltener Fund. Andere Muscheln, Wattwürmer und Krebse weichen der wuchernden Grünalge. Zonen komplett sauerstofffreien, abgestorbenen Meeresgrundes breiten sich aus. „Es gibt zwei Fetische“, sagt Roland Klockenhoff, „die kriegen wir aus unseren Köpfen nicht raus: den Investor und das Wachstum.“ Wie kann sich auf dem europäischen Festland etwas bewegen, wenn es im kleinen, auf einer Insel mit knapp 22000 Einwohnern, derart schleppend vorwärtsgeht? Merian Heft Sylt, Amrum, Föhr

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Erbseninseln

Wenn der Wind das Meer vor den kleinen Felsen der „Ertholmene“, den Erbseninseln, wieder einmal derart heftig toben läßt, dass der Nord- oder Südhafen unpassierbar ist, öffnet sich die filigrane Schwenkbrücke zwischen Christiansö und Frederiksö und gibt die 30 Meter breite Durchfahrt zwischen den Inseln für ein Schiff frei. Vorsichtig manövriert es durch das vom Wind und Wogen bewegte Hafenbecken, in dem sich die schutzsuchenden Fischkutter und Yachten drängen, tuckert durch das leewärtige Hafenbecken, schiebt den Bug an den Molenköpfen vorbei in die tobende See und stemmt sich dann unter einem wolkenverhangenen Himmel gegen das unermüdlich anrennende, schiefergraue Meer Richtung Bornholm. Vogelinsel Græsholm In einem weiten Bogen umfährt das Schiff Græsholm, die umbrandete Vogelinsel gleich vor Frederiskö. Weiß ist sie, von Mövenschiß und -leibern. Seitdem ein Student 1924 auf Græsholm einen dem Pinguin ähnlichen Alk und die in Dänemark bis dahin unbekannte Silbermöve entdeckte, steht das Eiland unter Naturschutz. Wer sich der wenige hundert Meter großen Insel nähert, um die Silber-, Herings- oder Sturmmöven, den Tordalk, die Trottellumme, den Mittelsäger oder die Eiderente mal aus der Nähe zu sehen, wird schnell von dem ohrenbetäubenden Geschrei der Vögel und dem herabregnenden ätzenden Vogeldreck vertrieben. Die Eiderente wird auf den Erbseninseln, den „Ertholmene“, wie die Dänen sie liebevoll nennen, übrigens Åbo genannt. Der Vogel bedeutete einst für den Kommandanten der Inseln mitten in der Ostsee ein beträchtliches Kapital. Denn die Daunen, so das Gesetz, standen dem Kommandanten zu und der verkaufte sie nach Bornholm oder ans Festland. Das im Wind schwankende Ende der filigranen Drehbrücke landet wieder auf Frederiksö. Die wenigen Dutzend Besucher, die vorhin auf den Erbseninseln abgesetzt wurden, wenden sich ihrem Ausflugsziel zu, verteilen sich über das kleine, kuriose Eiland. Da und dort tauchen die bunten Wind- und Öljacken der Sommerfrischler zwischen den den Wacholderbüschen auf. Nach Christiansö verirren sich ohnehin nur wenige Individualisten. Vom „Store Tärn“, einem massiven Steinturm mit stattlichem, weithin sichtbaren Durchmesser, geht es die einzige Straße der Insel entlang. Das holprige Pflaster zwischen den langgestreckten zweistöckigen und grob verputzten Häuserzeilen nennt sich natürlich „Christiansögade“: das monotone, finstere Tür an Tür der ehemaligen Kasernenstraße erinnert an die militärische Bedeutung der Erbseninseln seit dem 17. Jahrhundert. Christian V. ließ auf der größten der Erbseninseln 1684 eine Festung auf der größten der Erbseninseln bauen und siedelte mehr als 100 Menschen sommers wie winters an: Offiziere, Beamte, einige Handwerker und Soldaten. Zuvor waren es lediglich Fischer aus Bornholm gewesen, die für die Sommermonate alljährlich auf die Erbseninseln kamen. Vom befestigten Christiansö aus sollten die Flottenbewegungen der feindlichen Schweden ausgespäht werden. Aber nicht nur Soldaten wurden zu den Erbseninseln geschickt, auch Sträflinge in Ketten, Sklaven und Menschen, die als geisteskrank angesehen wurden, mussten ihr Dasein auf den Klippen in der Ostsee fristen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts dann kamen die Künstler – etwa der Dichter und Maler Holger Drachmann, Edvard Weie und sein schwedischer Malerkollege Karl Isakson als einer der Vertreter der sogenannten „Bornholmer Schule“. In einer guten halben Stunde läuft man entlang der Befestigungsmauern von Christiansö um die Insel, verweilt da und dort in den herrlich nach Kräutern duftenden Niederungen, kehrt zur kleinen Schwenkbrücke unter dem Store Tärn zurück. Christiansö, die kleine Felseninsel in Sichtweite von Bornholm verweist den Besucher auf sich selbst: Sie ist kein Ort zur Flucht vor sich selbst. So wird mancher mehr Kurzweil suchende Gast froh sein, das Eiland wieder mit dem nächsten Schiff verlassen zu können. Wer Frieden mit sich selbst sucht, wird den Tag auf den kleinen Erbseninseln irgendwo weit draußen in der Ostsee, genießen und gern erinnern.

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Im Ersatzkanzleramt

Ein Besuch des Domizils von Konrad Adenauer in gut isolierter Lage oberhalb von Cadenabbia am Comer See. Von Erdmann Braschos Nirgendwo ist der Comer See derart prima bacino wie zwischen Menaggio und Lenno. Die wenigen Kilometer dieses südwestlichen, vollends der Sonne zugewandten Uferabschnitts sind die Riviera des Gewässers. Ein bota­nischer Garten, aus dessen grüner Pracht historische Villen und traditionsreiche Hotels hervor lugen. Seit jeher urlaubt der lombardische Geldadel hier. Auch der Klerus genoß die angenehm von der Breva ventilierte Sommerfrische am Lago und schlug mit manchem Bacchanal über die Stränge, statt gottesfürchtig im stickigen Mailand zu schwitzen. Bereits im März melden sich die Magnolien mit weißen und rosafarbenen Blüten, die Mimosenbäume leuchten gelb. Auch im April dauert es eine Weile, bis sich Nebelschwaden oder Dunst in der Sonne über dem Wasser verflüchtigen. In den Morgenstunden erscheint die pastellfarbene Häuserfront der gegenüber liegenden Ortschaft Bellagio unwirklich wie ein Kurort des 19. Jahrhunderts. Sacht nippt der See am Kies, das Wasser gluckst unter den Steinmolen. „Alles ist vornehm und sanft“ meinte Marie Henri Beyle alias Stendhal über die Gegend. Auch zwei Jahrhunderte später trifft die Beschreibung der Verhältnisse noch weitgehend zu, jedenfalls in der Vor- und Nachsaison. Die Straße schlängelt sich zwischen Lago und dem tre­mazziner Hügelland das Ufer entlang. „Und jetzt vier Wochen Urlaub in Tremazzo“ begeisterte sich Greta Garbo im Finale eines Films. Mit der kühlen Greta nach Tremazzo. Das Publikum war hin. Im Garten der Villa Carlotta liegen sich die marmornen Armor und Pysche anmutig wie delikat in den Armen. Ein mailändischer Marchese leistete sich das stattliche klassizistische Sommerdomizil. Nebenan in Cadenabbia, einer Partnerstadt des rhein­ländischen Bad Honnef, geht es beim Britannia Hotel den Hang hinauf. Zwei Serpentinen, in der nächsten Kehre ein schmiedeeisernes Tor. „Attenti al cani“ warnt ein Schild von den Hunden. Das Zyklopenauge einer Videokamera mustert den Besucher. Er kommt angemeldet. Mit leisem Klacken entriegelt das Tor. Die Zufahrt durch den 27.000 qm großen Park ist picobello geteert. Zunächst kein Mensch weit und breit, nur subtropische Botanik und oben zwei schwarze, federnden Schritts nahende Boxer. „Die tun nichts“ ruft Antonia Sanchez, die Leiterin der „Internationalen Begegnungsstätte Villa La Collina“. Das behaupten Hundebefehlshaber immer, bis sie eines Tages von ihren Vierbeinern eines schlechteren belehrt werden, weil Hunde gelegentlich eine eigene Meinung haben. Nachdem Dana und Don Alfonso genug geschnüffelt haben, trollen sie sich. Erleichtert folgt der Besucher dem Kiesweg zur Villa auf dem Hügel. Azaleen, Rhododendren, Camelien – hier wächst alles, soweit Gärtner es zulassen. Diese haben präzise und entsprechend exekutierte Vorstellungen einer auf’s Übersichtliche domestizierten Wildnis. Geordnete Verhältnisse unter subtropischen Bedingungen. Da fühlt sich der Besucher aus Deutschland wie zuhause. Oben ein türkis gekachelter, nierenförmiger Pool. An der Leiter ein Rettungsring. Hier guckt der Badende zum rusti­kalen Gemäuer der Villa Serbelloni hinüber, wo sich der Lago in den rechtsschaffenen östlichen Arm Richtung Lecco und den mondänen, westlichen, gen Mailand gerichteten teilt, wo sich Armor und Psyche ein Schäferstündchen gönnen. Bellagio, bi-lacus, Ort am doppelten See. Darüber die schneebedeckten Gipfel der Bergamasker Alpen. Am Hang einige Gewächshäuser, der Park ist bereit zum frühjährlichen Blütenfeuerwerk. Wenige Laute dringen von der Uferstraße hinauf. „Die Gegend am Comer See ist keine alltägliche Gegend“ meinte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits 1963 unbeholfen und auch zutreffend. Stille. Keine schnaufenden Boxer, keine Frau Sanchez, keine Erläuterungen. Der Lago glitzert. Wir verstehen, wie sehr Adenauer die „vollständig isolierte Lage“ mochte. Der Hausarzt hatte dem greisen Kanzler zum Aufenthalt in südlichen, warmen Gefilden geraten. Er folgt ihm gern. Im Frühjahr ‘57 weilt Adenauer das erste Mal in Cadenabbia. Er wohnt mitten im Ort und entdeckt das Boccia-Spiel. Die Bundestagswahl 1957 wird bald mit absoluter Mehrheit gewonnen, der 81-jährige befindet sich im Zenit seiner Karriere. Da steht ihm das Pepitahütchen, ein Geschenk aus den Staaten, gut. Mit dem kessen Hütchen ist der Kanzler ausnahmsweise mal nicht im Dienst. Ludwig Erhard und andere Ehrgeizlinge der jungen Republik hat der Alte noch unter dem Knüttel. Was der Patriarch will, wird gemacht. Unpassende Fragen werden nicht oder in unmißverständlicher Mundart beantwortet. Wer die richtigen Fragen stellt, bekommt Audienz in Cadenabbia. Spaziergänge, Bootspartien, Hintergrundgespräche am Kamin, ohne Tonband, versteht sich. Der Regelkreis der Macht. Die Gegend am Comer See ist keine alltägliche Gegend, der dienstliche Ausflug zum Kanzler am Lago eine Auszeichnung. Hier gedeihen Zitronen, wird nicht wieder aufgebaut, hier ist das meiste geblieben, wie es immer war. Eine entspannte Situation, Gegenheit, alles nochmal aus der Ferne zu betrachten, Weltlage und Bonner Verhältnisse zu durchdenken. Hier werden die Strippen gezogen, Weichen für die junge Bundesrepublik gestellt. Vier Jahre regiert die CDU/CSU, das heißt eigentlich Konrad Adenauer allein. Die Opposition redet, stört jedoch kaum. Wohlstand für alle, die Rentenreform, Westorientie­rung. Auf Empfehlung des Bürgermeisters von Cadenabbia mietet Adenauer seit Herbst ‘59 die abgeschieden gelegene Villa Collina. Der Kanzler kommt fortan mehrmals jährlich, im Frühjahr einen Monat und im September einige Wochen. Zwischendurch, soweit es paßt. Abflug Wahn, Ankunft Malpensa, damals noch ein Militärflughafen. Die Villa La Collina wird zum Ersatzkanzleramt. Hier regiert Adenauer fernab vom politischen Tagesgeschäft telefonisch. „Jeem se mir mal den Globke“. Der Fernschreiber hält ihn auf dem Laufenden. Fräulein Poppinga, die Sekretärin tippt Adenauers „Erinnerungen“, stenographiert das politische Vermächtnis. Die Rhöndorfer Manuskripte reifen. Tochter Libeth Werhahn „unternimmt, begleitet von Herrn Ministeri­aldirigent Dr. Selbach eine sechsstündige Gipfelwanderung“. Zwei mal täglich lange Spazier­gänge durchs tremazziner Hügelland, zum Verschnaufen reichen die Sicherheitsbeamten ein Sitzkissen. Zwischen­durch eine Partie Boccia. „Grün wirft“ erklärt „der gebürtige Südtiroler und Dorfpolizist Kofler“ und der „Löwe vom Rhein“ geht leicht in die Knie. Im Jahr nach Adenauers erstem Cadenabbia Urlaub exportiert Italien 32.000 Bocciakugeln in die Bundesrepublik. Abends „lustiges Beisammensein“, frivol herablassende Bemerkungen über „die langen Unterhosen der armen Frau Pappritz“. Die Carabinieri hocken mit Trillerpfeife – einem Vorläufer des Mobiltelefons – im Gebüsch und sichern den Staatsmann, Bedeutendes und weniger Wichtiges im Ersatzkanzleramt. Golo Mann kommt „telegraphisch avisiert“ aus Lugano. Das Gespräch verläuft günstig. Mann bleibt über Nacht beim Großwesir, bedankt sich auf seine Weise: „Die Augen über und hinter schwer hängenden Säcken; eher klein, blaß und in die Ferne blickend. Eine ganz leichte Ähnlichkeit mit der letzten Photographie Metternichs …“ Die Gegend um den Comer See ist keine alltägliche Gegend. Montag, 2. September 1963: „11 Uhr Frühstück mit Herrn Springer und Herrn Weber“, später „kurze Fotoreportage“ für die „neue Il­lustrierte“. Hilmar Pabel nimmt für den Stern „an einer Bootsfahrt“ teil. Die Illustrierte „Quick“ berichtet direkt aus der Lombardei, die „Wochenschau“ filmt. Später „Beleuchtung der Insel Comacina für den Herrn Bundeskanzler“. Anno ‘66 porträtiert der österreichische Maler Oskar Kokoschka den alten Mann in seiner Wahlheimat. Verwischte Farben. Blau dominiert, das Gesicht schemenhaft zu erkennen. War er noch da, oder bereits in seiner historischen Bedeutung aufgegangen? Beim Sonntagsgottesdienst singt „der Barbier von Ca­denabbia“ für den „Löwen vom Rhein“, wie die Einheimi­schen den deutschen Kanzler respektvoll nennen. Auch der Italiener liebt Autorität, die klare Ansage, Stärke. Führung erspart die Last des Denkens. Eigentlich hatte Renzo Toscani keine Haare schneiden, sondern sein Leben ganz dem Gesang widmen wollen. Doch hatte das weitblickende Familienoberhaupt dem Sohn diesen Weg mit Blick auf das tägliche Einkommen und die Nachfolgeregelung des orts­ansässigen Friseursalons verwehrt. Jetzt, wo der Senior mit Adenauer Boccia spielt, ist die Stunde gekommen, Adenauer eine besondere Freude zu machen. Der „Barbier von Cadenabbia“ trägt beim Gottesdienst das „Agnus Dei“, das „Largo“ von Händel und ein „Ave Maria“ vor. Der Katholik lächelt und „schaut wieder auf seine gefalteten Hände“. Der Vater ist stolz, Renzo Toscani für einen Augenblick berühmt. Ein Jahrzehnt nach Adenauers Tod übernimmt die Konrad Adenauer Stiftung den fabelhaften Garten mit der nüchternen Villa. Ein ockerfarbener, dreistöckiger Bau mit dem Charme eines in die Jahre gekommenen Hotels. Die schmiedeeisernen Gitter der ersten Etage ruhen auf efeu­umrankten Rundbögen, braune Fensterläden schützen während der Sommermonate vor der gleißenden Sonne. Im Treppenhaus eine Büste des ersten Kanzlers der Bun­desrepublik. Gardinen, Spitzendeckchen, im Kamin- und Wohnzimmer sichtlich gebrauchte Sessel (Eiche), ein Flügel. Das Air der frühen Sechziger. Bonn Bad Godesberg, Rhöndorf leicht patiniert. Der Mief eines Seniorenhaushalts. Vier Jahrzehnte museal konservierten Stillstands. Schleiflack vergilbt. Der Bücherschrank ein modernes Antiquariat des kalten Krieges. John Barron: Der KGB. Arbeit und Organisation des sowjetischen Geheimdienstes mit einem Beitrag von Alexander Solschenyzin, Scherz Verlag 1974. An den Wänden Fotos vom Alten, wie er einheimischen Kindern die Hände schüttelt. Der Patriarch zum Anfassen. Der Unnahbare in der Menge. Der Visionär unter „einfachen Leuten“. Das von der Situation geforderte abwesende Lächeln. Daneben Protagonisten der Bimbes- und Bundesre­publik. Dr. ehrhalber Helmut Kohl und Theo Waigel. Wegabschnittsgefährten zu vorgerückter, fröhlicher Stunde. Man hat zusammen gegessen, getrunken, gelacht – und voneinander Maß genommen. An der südlichen, der kühlenden Breva zugewandten Seite des Hauses eine schattenspendende Pergola. Das rustikale Schnitzwerk eines Schildes bezeichnet das Ge­wölbe als „Bundesratsstube“. Nicht jedes Konterfei an der Wand ist a jour. Musterschüler Roland Koch blickt leutselig mit geneigtem Kopf in die Kamera. Daneben das Porträt eines blonden Jünglings aus Tagen, er noch Faktotum und Taschenträger des verdienten Landesvaters Franz Josef Strauß war. Wer dem Herrn beharrlich und tapfer dient, wird wie Edmund Stoiber eines Tages selbst einer. Abschließend ein Blick ins Gästebuch. Eintrag 27. August 2000: „Möge der GEIST dieses Hauses und das Erbe Dr. Konrad Adenauers endlich wieder Früchte hoher Moralität und Glaubwürdigkeit in der Politik und im vereinten Europa schaffen“. Die Gegend am Comer See ist keine alltägliche Gegend. Wir folgen dem schmalen Kiesweg den Hügel hinab. Dana und Don Alsono genießen die wärmende Aprilsonne und machen keine Anstalten sich zu erheben. Gähnend räkeln sie in der Sonne. Frau Sanchez hat nochmal Lippenstift nachgezogen. Das Tor öffnet elektrisch und schließt mit leisem Klacken.

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Darß ohne Baldiun Bählamm

Es ist üblich, dass Parteien, Lobbies und ihnen assoziierte Journalisten ihre Zielgruppe bedienen. Je konsequenter die Interessen der umworbenen Klientel vertreten werden, sprich je größer die unbeirrt getragenen Scheuklappen gegenüber anderen und übergeordneten Gesichtspunkten sind, desto erfolgreicher ist man in seinem Beritt. So funktioniert auch der Fachjournalismus. Je konsequenter er das macht, desto dümmer ist er leider auch. Der ADAC möchte „freie Fahrt für freie Bürger“. Ostseesegler, ihre Verbände und publizistischen Stimmungsverstärker möchten auf der langen Strecke zwischen Warnemünde und den beiden westlichen Zugängen zum Boddengewässer Rügens einen Hafen. Koste es, was es wolle. Es gibt einen. Der liegt aber in einem Naturschutzgebiet, dessen Zufahrt versandet. Macht nichts. Die kann ja, für den Steuerzahler kostenpflichtig, regelmäßig ausgebaggert werden. Die Alternativen sind teuer und – wie der Durchstich zum Boddengewässer wegen des künstlich geschaffenen Wasseraustauschs – ökologisch fragwürdig. Macht auch nichts. Hauptsache, es gibt Liegeplätze. Segler und Motorbootfahrer möchten am nordwestlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns einen Tag und Nacht problemlos anzusteuernden Unterschlupf und hinter den Molenköpfen ein Hafenbecken ohne Schwell bei jeder erdenklichen Windrichtung. Sie erwarten einen Liegeplatz in Hauptwindrichtung mit Schwimmsteg, Strom, Wasser, WLAN. Dazu besuchbare Lokale und morgens frische Brötchen. Die Strecke Warnemünde – Hiddensee mit dem erstbesten Hafen Barhöft ist lang und für Segler kleiner Boote wie ältere Leute ein anstrengender Ritt. Von Hiddensee kommend ist der Törn bis Warnemünde bei üblichem Südwest mit entsprechendem Seegang  auch für große und schnelle Boote eine Herausforderung. Solange der Darßer Hafen mit erheblichem Aufwand für den Seenotrettungskreuzer ausgebaggert wurde, war er ein willkommener Zwischenstopp. Solange ich da mit zwei Metern Tiefgang am späten Nachmittag oder Abends im letzten Büchsenlicht noch reinpüttern konnte, habe ich hier angelegt. Ich ging zu diesem sagenhaft patzigen WWF-ler, hörte mir die Standpauke an und unterschrieb eine vorbereitete Erklärung, wonach das Anlegen im Darßer Nothafen unabdingbar sei. Ich habe also, wie alle anderen Pseudo-Havaristen auch, gelogen und versprochen, am nächsten Vormittag spätestens um 11 wieder draußen zu sein. Es war so sicher wie das „Vorwärts Genossen“ in der einstigen Deutschen Demokratischen Republik, dass das pünktliche Ablegen von diesem wild gestikulierenden Ranger überwacht wurde. Der war garantiert da. Und er war am nächsten Morgen genauso drauf wie den Abend zuvor. Das war seine Auffassung von diesem Job und er erledigte ihn mit germanischer Gründlichkeit. Deshalb erhielt er von mir bald den Spitznamen Balduin Bählamm. Natürlich wäre ein weiterhin ausgebaggerter „Not“hafen am Darß oder eine moderne Marina mit allem erdenklichem Komfort vor dem nahe gelegenen Prerow nett. Notwendig ist das nicht. Um das zu verstehen, genügt ein Blick auf die Karte. Die nördliche Landzunge des Darß bietet bei üblichem Wind aus Südwest bis West, sogar bei West mit ein klein wenig Nord, einwandfreien Schutz. Man ankert hier auf flachem Wasser auf ebenem Sandgrund, mit reichlich Kette oder Leine entsprechend sicher. Hinter dem bewaldeten Darß und der langen Sandbank liegend kann es wehen wie es will. Auch das Schiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger kann an einer Boje draußen vor dem versandeten Nothafen stationiert werden. Es müsste ab und zu, für Mannschaftswechsel, zur Ver- und Entsorgung die wenigen Meilen bis Barhöft dieseln. Der Kreuzer würde die meiste Zeit mit kurzen Wegen zur Kadetrinne und dem Gewässer rings um die Darßer Landzunge auf Standby liegen. Das ist für die Mannschaft nicht so angenehm wie der Liegeplatz im Hafen. Doch steht der Aufwand dafür? Bei auffrischendem Wind aus Nord oder Nordost heißt es natürlich für uns Segler Anker bergen und weitersegeln. Ab fünf Windstärken ankert keiner bei auflandigem Wind. Bei dieser Windrichtung ist aber auch die übliche Ochsentour gegen deftig viel und nass aus Südwest nach Warnemünde, Kühlungsborn oder Richtung Fehmarn geschenkt. Bis Hiddensee sind es wenige Meilen. In den Schutz zur Leeseite der Darßer Landzunge dauert es eine halbe Stunde. Für Segler- und Motorbootfahrer, die ihrem Anker nicht trauen, können im Sommer Mooringbojen ausgelegt werden. So ist es in anderen Revieren zum Schutz des Ankergrunds oder bei schlechten Bodenverhältnissen üblich. Die Debatte um den Nothafen Darß und seine Alternativen ist eine Komfortfrage. Nun ist Fahrtensegeln eine Outdoorsportart, wo gelegentliches Ankern dazu gehört.   Die Beteiligten, auch die Kollegen, die dieses Thema in den vergangenen Jahren im Gleichschritt mit der Darß-Prerower Hafenlobby aufgebauscht haben, sollten sich einmal überlegen, was das Gekasper gekostet hat: vom wiederholten Ausbaggern bis hin zu den Gutachten und Planungen für Alternativen. Jeder Notfall in der Gegend wurde zugunsten des Darßer Hafens skandalisiert. Vordergründig ging es um die Stationierung des Rettungskreuzers, tatsächlich um die Liegeplätze für uns Yachties. Wie soll sich denn ein Hafen vor Prerow in diesem entlegenen Winkel rechnen? Gemeinsam mit dem nächsten, mit Ach und Krach ausgelasteten Wellness- und Tagungshotel, von denen es an der Küste schon unzählige gibt? Was hätte mit dem verschwendeten Geld sinnvolles in Mecklenburg-Vorpommern gemacht werden können? Der Skandal um den Darß ist die sisyphusartige Geldverschwendung für einen Hafen, dessen Zufahrt immer wieder neu versandet. Dieser Gesichtspunkt spielte früher, als hier die Wachboote zum Abfischen der Bürger bei der Flucht aus dem schikanösen Polizei- und Überwachungsstaat stationiert waren, keine Rolle. Bei allem Verständnis für die speziellen Bedürfnisse des Bootsurlaubers in Mecklenburg-Vorpommern. Bitte mal die Scheuklappen ablegen. Der einstige Menschenfängerhafen kann ruhig versanden und geschlossen werden, weil draußen geankert werden kann. Es gibt da abends und in der Nacht weniger Mücken. Und es gibt morgens keinen zornigen Vogelwart, der wie Baldiun Bählamm mit dem Zeigefinger auf die Uhr mit entsetzlich deutscher Gründlichkeit zum Aufbruch mahnt.

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Loge am Lago

Warum in Zeiten, wo es keine Geheimtipps mehr gibt, der Norden und das Westufer der Comer See eine Reise wert und eine Entdeckung sind. Von Erdmann Braschos Junge Hunde können sich ja so aufregen. Spitzes, sich zu Heiserkeit und schriller Erschöpfung verausgabendes Kläffen. Keine Ahnung, was die kleinen Kerle in der Dunkelheit rings um das Weingut Casa Rina zweihundert Meter über dem Nordufer des Comer See derart echauffiert. An diesem Abend Ende März ist die Luft noch winterlich herb, gewürzt vom aromatischen Rauch da und dort anheimelnd qualmender Kamine. Drüben, wo sich der See dem Veltliner Tal zuwendet, die gelben Laternen kleiner Ortschaften. Von nachtschwarzen Tannen bestandene Hänge, darüber der schneeig schimmernde Gipfel des mächtigen Legnone, beklemmende Enge. Am Morgen nach der Ankunft gleißendes Licht, befreiende Weite. Die westlich aus dem See steigende Schräge des zwei Kilometer hohen Bregagno. Sanft streicht die Breva von Süden her über den Lago und lässt das geschuppte Wasser noch vom Morgendunst gedämpft in der Sonne funkeln. Letzte Nebelschwaden verdunsten wattig weiß vor dem noch schattigen Ostufer. Der helle Süden verflüchtigt die Teutonentrübsal. Italianità. Im Gegenlicht die Palmen von Musso, dahinter schemenhaft die kleine kaninchenförmige Erhebung von Bellágio. „Überall ist es erträglich. Doch am erträglichsten im Ausland“ meinte der Vielverreiser Walter Serner in der 115. Erkenntnis seines Lebenskunstbreviers „Letzte Lockerung.“ Meist war er in eigenen, inneren Angelegenheiten unterwegs, also vom Fach. In diesem Ausland hier, zwischen Bergamasker Alpen und Schweiz, ist es ziemlich erträglich. Von Domaso weht das Krähen eines Hahns herauf. Gackernd trippeln Hühner um die Rustica, kleine Katzen räkeln wohlig in der Sonne. Der Goldfisch lungert eine Runde durch den Gartenteich. Er weiß, dass Katzen auch heute nicht angeln. Schnüffelnd nach Gelegenheiten zum Kläffen streunen die Hunde durch den Garten. Im Nachbarhaus puscht die Oma mit allerlei Kleinigkeiten beschäftigt durch den Vormittag. Casa Rina, bäuerliches Idyll über dem Lago. Noch sind die Äste der Apfelbäume grau. Doch die Wiese grünt, die Natur ist bereit: Primeln, Narzissen, Krokusse und Forsizien veranstalten ihr Frühjahrsfeuerwerk, der Ginster blüht an den Hängen nebenan leuchtend gelb, unten im Ort betören die ersten Magnolienbäume, auch die Mimosen zeigen ihre Pracht. „Einzigartige Südhanglage,“ die vollmundige Beschreibung der Ferienwohnungsagentur stimmt. Das Weingut über Domaso ist ein Logenplatz am Comer See, im Frühjahr zudem ein paar Grad wärmer als der Ort unten am See. Nebenan sitzt Herr Camata breitbeinig auf den Schindeln seines Häuschens und nestelt am Kupferblech des Schornsteins. Ein gemütlicher Schweizer Ende Fünfzig im karierten Wohlfühlhemd mit erkennbar helvetischem Interesse an gutem Nachtessen und kultiviert gekelterten Rebensäften. Sein Arbeitsleben verbrachte er mit dem einträglichen Entwurf von Motorradhelmen, sein richtiges, erträgliches Leben begann für und mit Casa Rina, selbstredend im Ausland. ’96 begann er mit dem Wiederaufbau des ’85 verlassenen Gehöfts. Der Hauswirt schwärmt von Barbera, Crumello, Sassella und Valpolicella Reben und erzählt Geschichten vom 1945 bis ‘65 über uns in den Bergen florierenden italienisch-schweizerischen Zigarettenschmuggel. Ein neben dem harten Brot der Landwirtschaft gern wahrgenommener steuerfreier Minijob. Hinten plätschert ein kleiner Wasserfall durchs Gebüsch, im Garten wacht eine Madonna über Wohl und Wehe des 280-jährigen Gehöfts. In der Woche ein bisschen illegal bis mittelkriminell, Feiertags kompensiert mit dem rituellen Katholizismus des Kirchenbesuchs. So funktioniert die ganze Welt, auch im Ausland, wo es am erträglichsten ist. Auch im Zeitalter allerorten nachzulesender, so genannter Geheimtipps ist der Comer See eine Enklave. Diese seltene Qualität verdankt er seiner Lage. Im Osten, Norden und Westen alpin umschlossen, ist er nicht so Auto- und Kurzurlaubskompatibel wie der Lago Maggiore oder das von Deutschen und Österreichern furchtbar heimgesuchte Ostufer des Gardasee. Zur Entdeckung des Comer See braucht es eine An-, keine Durchreise. Ein gestrecktes Gewässer, die Ufer im Norden bäuerlich alpin, auf halber Höhe patiniert mondän, der nach Lecco führende Arm von lombardischem Gewerbe und Fleiß geprägt, der fjordartig gewunden vor der hübschen Seidenstadt Como endende Ausläufer ein verträumt subtropisches Idyll mit prächtigen Gärten, die einen Ausflug lohnen. Die Straße schlängelt sich zwischen Lago und tremazziner Hügelland das Ufer entlang. “Und jetzt vier Wochen Urlaub in Tremazzo” begeisterte sich Greta Garbo mal im Finale eines Films. Mit der kühlen Greta nach Tremazzo, das Publikum war hin. Villen-, Garten- und Blumenmenschen erleben hier ihr Nirvana. Der alpin umschlossene Comer See genießt mit zwei Metern mehr als doppelt soviel Niederschlag wie der südöstlich gelegene, direkt in die Poebene übergehende Gardasee mit bereits mediterran trockenem Klima. Eine der regenreichsten Regionen Italiens, dennoch sonnig. Der Mensch will ja alles, Treibhaus und Panorama, er möchte Käffer und das Mondäne, Leben und Übersicht gleichzeitig. So macht der Garten die Villa Carlotta beispielsweise zu einer der berühmtesten Italiens. 1850 schenkt die preußische Prinzessin Albrecht ihrer Tochter Charlotte das Haus anlässlich der Heirat mit dem Erbprinzen Sachsen-Meiningen, dessen Garteninspektor das Grundstück in eine botanische Weltausstellung mit dem effektvollen und entsprechend bewunderten Blütenspektakel der Azaleen und Rhododendren, Kamelien und Rosen, der Myrten, Lorbeer- und Eukalyptusbäume, umgeben von siebzig verschiedenen Nadelhölzern verzaubert. Der Zauber wirkt bis heute. Nirgendwo ist der Comer See derart prima bacino wie zwischen Menaggio und Lenno. Die wenigen Kilometer des südwestlichen, vollends der Sonne zugewandten Uferabschnitts sind die Riviera des Gewässers. Ein botanischer Garten, aus dessen grüner Pracht betagte Häuser wie die Villa d’ Este in Cernobbio hervorlugen, heute als eines der Welt besten Grand Hotels geschätzt (man nächtigt im günstigsten Doppelzimmer für schlappe 350 Euro). Nach Vereinbarung zugänglich sind die Villa del Balbianello, die sich ein Kardinal an der vielleicht schönsten Lage des Comer See in Lenno zwischen die Zypressen stellen ließ, oder die Villa Vigoni in Menaggio. Bereits im März melden sich die Magnolien mit weißen und rosafarbenen Blüten, die Mimosenbäume leuchten gelb. Die pastellfarbene Häuserfront Bellagios erscheint vom Westufer gesehen unwirklich wie ein Kurort des 19. Jahrhunderts. Sacht nippt der See am Kies, das Wasser gluckst unter den Steinmolen. “Alles ist vornehm und sanft” meinte Marie Henri Beyle alias Stendhal über die Gegend. Auch zwei Jahrhunderte später trifft die Beschreibung der Verhältnisse noch weit gehend zu, jedenfalls vor oder nach der Saison. „Wenn Du nichts als ein Herz und ein Hemd besitzt, so verkaufe dein Hemd und stille dein Herz, reise an den See von Como“ auch diese Schwärmerei Stendhals, die als Fremdenverkehrwerbung usurpierte Literatur missverstanden werden könnte, gilt noch. Die mondäne Gelassenheit, die Aura des Gewässers und die melancholische Stille im Niemandsland der Vorvorsaison – wunderbar. „Verkaufe Dein Hemd, reise an den See von Como!“ Man muss das Hemd ja nicht in Bellagio an der Rezeption des Grandhotel Serbelloni in so genannte „Wellness“ tauschen, wo der Lago vollends splendido ist. Ich habe mein Hemd beim gemütlichen Herrn Camata, seinem Goldfisch, den räkelnden Katzen, trippelnden Hühnern und vorlauten Hunden in Seelenfrieden getauscht. Die lombardische Rustica, die Loge über dem Lago behagt mir mehr als das kostenpflichtig servile Lächeln livrierter Kellner und Wellness-Profis. Der Lago di Como im Niemandsland der Vorvorsaison. Eine subtropisch grüne, an 320 Tagen jährlich Sonnen verwöhnte Verschwendung, prima bacino, splendido und lombardisch rustikal. Ein See für verschiedene Temperamente – das ideale Ausland, sehr erträglich.

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Zu Fuß zum Trollfjord

Die „Kathedrale“ ist der dramatischste unter Norwegens Fjorden. Er wird von Ausflugbooten und Kreuzfahrtschiffen angesteuert. Man kann da auch hin gehen. Erdmann Braschos suchte und fand einen Weg zum Trollfjord. Vom fernen Bodö auf dem nordnorwegischen Festland erscheinen die Lofoten Inseln als unwirklich alpin übers Meer wipfelnde Bergkette. Ende Mai bis Mitte Juli sind die Schnee bedeckten Hänge rings um die Uhr besonnt. Eine bizarre Gegend nördlich des Polarkreises, die sich im Lauf warmer Mittsommerwochen im langärmligen Hemd entdecken lässt. Von den Gletschern der letzten Eiszeit verschont, behielt der hundert Kilometer lange Gebirgszug seine imposant gezackte Erscheinung. Berühmt für den einstigen Fischreichtum von Januar bis April, als sich der Dorsch je nach Schichtung des Golfstrom warmen Atlantik über dem kaltem Küstenwasser ufernah oder draußen im trichterförmigen Westfjord zwischen den Inseln und Festland in großen Schar zum Laichen einfand. So herrschte anlässlich des Lofotfischfangs in den Ortschaften zu Füßen der Felsen Goldgräberstimmung. Am Schicksalstag des 11. Februar 1849, als sich die Fangflotte nach wochenlanger, den Fischern vom schlechten Wetter aufgezwungener Pause bei der erstbesten Besserung aufs Meer wagt, wird sie von einem Schneesturm überrascht. 300 Lofotfischer erfrieren und ertrinken in wenigen Stunden. Später führt die Effizienz Dampf betriebener Kutter und ergiebiger Senknetz Fangtechniken wiederholt zum handfest ausgetragenen Zwist mit den herkömmlich arbeitenden Ruder- und Segelfischern. Als die motorisierten Seeleute am 8. März 1890 die hundert Meter breite Zufahrt zum zwei Kilometer langen Seitenarm des Raftsunds abriegeln, um die im Trollfjord wimmelnde Beute allein an Bord zu hieven, platzt den später eintreffenden Segelfischern der Kragen. Sie entern mit Rudern und Bootshaken von ihren kleinen schaukelnden Nordmännerbooten die hochbordigen Dampfer, verprügeln die Besatzungen der Kutter und verschaffen sich Zugang zum Dorsch. Schlacht am Trollfjord Die sogenannte „Schlacht am Trollfjord“ mitten in der Kulisse schneeweißer, tausend Meter den Fjord umschließender Berge, wird zum Datum der norwegischen Geschichte, in Erzählungen und Gemälden heroisiert. 1893 verbietet die norwegische Nationalversammlung im fernen Oslo die Senknetzfischerei. Auch wenn der Denkzettel für die raffgierigen Modernisierer angesichts des überfischten Nordmeers auf Dauer kaum geholfen hat: Das Ereignis bleibt erinnerns-, der spektakuläre Trollfjord selbst sehenswert. Kein Wunder, dass der norwegische Postschiff- und Küstennahverkehr der Hurtigroute die Sehenswürdigkeit allein für touristische Zwecke ansteuert. Die Dampfer fahren langsam herein und kehren mit einem umständlichen Drehmanöver im Sackgassen engen Trollfjord um. Ein Hurtigroutenschiff ist sogar nach dem berühmten Fjord getauft. Bootsausflüge ab Svolvær sind Höhepunkt nahezu jeder Lofotenreise. Der lofotigste Fjord aller Fjorde Da muß ich mal hin, jedoch nicht auf die übliche Tour. Jeder kann sich bequem in den Trollfjord schippern lassen. An der Reling stehend alles abfilmen und die Kamera dabei nicht mal drehen müssen, weil einem der Dampfer selbst diese Bewegung abnimmt, geht nicht. Sich den spektakulären Fjord erwandern, ist zwar unbequem, dafür Welten interessanter. Zu Fuß zum Trollfjord, über die Schulter des Trollfjordtindan laufend, den Gunnar Berg so unwegsam auf seinem kolossalen Schlachtgemälde verewigte, als handele es sich um einen Talkessel im fernen Hindukusch. Ob das geht, wei ich nicht. Aber den Versuch ist es wert. Dass Einheimische einsilbig wie kopfschüttelnd meinen, ihres Wissens habe keiner diese Tour probiert, ist ein Grund mehr, zum Trollfjord zu gehen. Die so genannte „Kaiserroute“ von Svolvær aus schön küstennah und bequem ablatschend an den Hobbynorweger und Lofotenfan Kaiser Wilhelm II denken, das kann jeder. Ich strebe nach höherem, der Kathedrale! Auf zur Kathedrale Auf der schmalen, in den Austnesfjord ragenden Landzunge Sildpolnes steht eine kleine, weiß gemalte Holzkirche. Interessanter als die hübschen, unter der Decke hängenden Modelle herrlich geschwungener Nordmänner- und Fischerboote ist der Blick zu den kühnsten Lofotengipfeln. Der 1.062 m hohe Felsendom des Reknes, daneben der schroffe, 1.161 m hohe Gipfel des Trolltindan, sind Tag und Nacht von allen möglichen Seiten beschienen. Dahinter soll der Trollfjord liegen, behauptet die Karte. Angesichts dieser Felswand verstehe ich die Einheimischen. Die Sonne wandert nordwärts und lässt das Gebirge in weichen warmen Farbtönen leuchten. Rauschend stürzen die Bäche aus luftiger Höhe hinab. Die Berge rufen. Der Trollfjord lockt. Der etwas über seine alpinen Möglichkeiten hinaus planende Abenteurer wird zum hingerissenen Gaffer und Gucker. Nach einer Weile gebe ich die Suche nach einem Fußweg zum Fjord auf. Zu steil für einen Flachlandindianer wie ich und keine Ahnung, wie es dahinter aussieht. Wer vom Kraxeln nichts versteht, braucht einen Bergführer. So kommt die Begegnung mit einem jungen Mann aus Tromsö im Lofoten Sommerhotell gerade recht. Dank einschlägiger Erfahrungen auf anderen Kontinenten wird er „Himalaja Tore“ genannt. Die Fertigkeiten von Handwerkern und Nordländern verhält sich bekanntlich umgekehrt proportional zu deren Mitteilsamkeit. Himalaja Tore sagt so gut wie nichts. Nach einer gründlichen Denkpause kommentiert er meine Idee mit einem „Ja-a“, der eine weitere folgt. Ansonsten erschöpft sich sein Beitrag zu unserer ersten Begegnung in einem fragenden bis zweifelnden Blick auf das anscheinend zum Äußersten entschlossene Gegenüber. Himalaja Tore möchte erst mal die Karte studieren und prüfen, ob das gehe, „til Trollfjorden, ja-a.“ Laut Blatt 1131 I des Statens Kartverk gibt es einen gangbaren Umweg. Zum Abschluss eines ungern und klösterlich alkoholarm gefeierten Mittsommerfests püttern Tore und ich zwei Uhr früh im Schlauchboot von Budalsneset durch die Bucht des Austpollen zur Mündung eines kleinen Baches. Wo der Wille groß ist, gibt es auch einen Fußweg zum Trollfjord. Er folgt hinter dem 700 Meter Hügel mit dem schönen Namen Middagshumpen dem Austpollbach, führt westlich am gleichnamigen See vorbei, die Telegrafenmasten entlang zum See mit dem sprechenden Namen Isvatnet, schließlich über die Schulter des Trollfjordtindan. Dann geht es östlich und irgendwann mal abwärts zum Meeresspiegel des Trollfjord. So der Plan. Der spiegelglatte Fjord wiederholt das Spektakel der ringsum stehenden Berge, als würde einmal richtig herum nicht reichen. Wir ziehen das Gummiboot an der Mündung des Austpollbaches unter die Birken, lehnen den Außenbordmotor an den bemoosten Sockel des Middagshumpen und machen uns in der kühlen, taghellen Mittsommernacht auf die Socken. Solange in Norwegen das Wasser noch fließt statt fällt, gelangen alpin weniger routinierte Norddeutsche zu Fuß zum Trollfjord. Der Weg jedenfalls ist abwechslungsreich, mal steil, mal eben und so matschig, dass das frisch getaute Eis des Austpolltales fast in die Bergstiefel läuft. Sogar ein Gespräch kommt mit Himalaja Tore zustande. Wir beschäftigen uns mit Themen, die Männer überall, selbst in freier Wildbahn einer der weltweit schönsten Landschaften, fesseln: Autos, Computer und Fernreisen. Eine schöne Geschichte soweit, bis mir Tore angesichts leider aktuellem Elchkot erklärt, die vierbeinige Landbevölkerung hätte gerade Junge. Sie lege Wert darauf, den Nachwuchs in den schönsten Wochen des Jahres ungestört von wanderfreudigen Urlaubern mit müßigem Gehen, nachdenklichem in der Landschaft herum Stehen und bequemen Äsen zarten Grünzeugs vertraut zu machen. Elche stünden unbewegt, daher recht spät für blindfüchsige Städter erkennbar im Birkenwald herum, bis sie beschlössen, dem wenig ahnenden Störenfried mit einem mächtigen Hufhieb eine unter die Waffel zu geben. Wie seinerzeit die empörten Segelfischer gegenüber ihren Kollegen das Faustrecht anwandten. Die Empfehlung, angesichts eines missgestimmt herantrabenden Elches die Beine in die Hand zu nehmen und in unterschiedliche Richtungen zu fliehen, beruhigt mich kaum. Himalaja Tore beschleunigt dank einschlägig alpiner Erfahrung bestimmt besser und hält sein Tempo länger, als ein entsetzt vor dem wütenden Elch durchs Gebüsch stolpernder Aktivurlauber, sprich ich. Unter Fitnessgesichtspunkten und genereller Geländegängigkeit ist ein mitteleuropäischer Büromensch auf stinksaure Elchkühe oder Bullen kaum vorbereitet. So habe ich bis zum Erreichen der Gebüsch- und Baumgrenze leider kaum Augen für die über unseren Köpfen während später Mitternachtsstunden beleuchteten Lofotengipfel kühner Tausender, denen wir Schritt für Schritt durch das quatzend sumpfige Tal von Norden her entgegen gehen. Unter sämtlichen Birken, in jedem Schatten wähne ich das dunkelbraune Fell eines patzigen Elchs, der augenblicklich zur Verteidigung seines Nachwuchs schreitet und mich schlagartig zum Passivurlauber macht. Am abschüssigen Schneehang über dem Austpollvatn gibt es keinen Elchalarm mehr, dafür die Herausforderung, nicht in den eiskalten See zu purzeln. Die Tour wird winterlich. Mal laufen wir über, teils stapfen wir durch schienbeinhohen Altschnee. Der Talkessel rings um das 395 Meter hohe Isvatnet ist mit kleinen abgegangenen Schneebrettern und Lawinen eine bizarre, kalte Welt. Wir kraxeln den moosigen, von weichen Flechten überzogenen Südwesthang des Trollfjordtindan hoch. Ringsum ein Talkessel steiler Felsen. Kleine Gletscher, im Schatten der Nacht gefrorene, in der Sonne tauende Seen. Losgetretene Steinchen und Moosplatten verabschieden sich hurtig wegbröckelnd, kullern einen Vorsprung hinab und purzeln dann in die Tiefe – dem etwa pizzagroßen Rund des Austpollsee weit unter uns entgegen. Vor uns öffnet sich, Schritt für Schritt erstiegen, ein logenartiger Blick in die so genannte Kathedrale, den verwegensten, lofotigsten Fjord aller Fjorde: Friedlich und kaum vom Wind geschuppt liegt der Trollfjord da, wie der Vierwaldstädter See an einem helvetischen Sonntag. Hinter uns die kühle Schnee- und Eiswelt, vor uns das Braun und Grün besonnter Moose und Flechten, dazwischen schimmert der Raftsund, eine der wenigen Passagen der Lofoteninseln von Süd nach Nord. Der Trollfjordtindan neun Uhr früh. Apart besonnte Hanglage und höchste Zeit für eine überfällige Mütze Schlaf. Das leicht gewärmte Moos bettet gut. Die Knochen sind müde. Die Muskeln lassen locker. Ich überlege, warum in der norwegischen Mythologie die Menschen während einer ausführlichen Naturbegegnung immer verschwinden, im Reich der Trolle Zivildienst leisten (Holz hacken, kochen, aufpassen, die üblichen Minijobs eben), bis geschlechtsabhängig ein findiges Aschenbrödel oder ein smarter Prinz kommt und die Ausflügler erlöst. Jedenfalls ist dieses Muster in praktisch jedem norwegischen Märchen nachzulesen. Liegt das an der Einfalt der Erzähler, an der unwegsamen, da und dort abgründigen Natur oder beidem? Anthropologie und Aberglaube. Immerhin beruhigt der Hinweis eines Lofotenhandbuchs, wonach Trolle auf „ansehnliche Blondinen mit Grübchen“ stehen, ich also nicht ins Beuteschema passe. Nach dem verdienten Schlummer gegen Mittag in der bettenden Mooskuhle in luftiger Lofotenhöhe weder von einem patzigen Elch, Troll oder Aschenbrödel geweckt werden, ist beruhigend. Himalaja Tore aus Tromsö mahnt zum Aufbruch. Bergab läuft es sich außerdem fast von selbst. Die Telefonleitung führt uns zum Bach. Die Elche sind freundlich und gelassen genug, sich diskret mit dem zarten Birkengrün zu beschäftigen. Sie erwarten uns gewiss später, wenn wir voller Eindrücke unkonzentriert durchs Austpolltal zurück bummeln. Unten am funkelnden Wasser die redlich verdiente Brotzeit. Programmgemäß schleicht ein schwarz-weißes Exemplar der Hurtigroute in die Kathedrale. Den Kaffee brauen uns Segelfreunde, mit denen wir an der einzigen Anlegestelle am Nordufer des Fjords verabredet sind. Dahinter die abschüssig steile Wand des Trollfjordtindan mit dem eigenwillig gezackten Bändern grüner Vegetationsstreifen im Fels. Ungläubig wie ein Troll werde ich beäugt, Himalaja Tore weniger. Dem fitten, einschlägig bewanderten Burschen aus Tromsö haben sie die Tour zugetraut, mir nicht. So grausam können Freunde sein. Die Stiefel dampfen, die schlammig feuchten Hosenbeine trocknen in der Nachmittagssonne. Über uns der 830 Meter hohe Trollfjordtindan, den Gunnar Berg in seinem opulenten Schlachtgemälde so Eis gepanzert, unbegehbar und schrecklich zeigt, wie einen Siebentausender im Hindukusch. Später, wenn ich für solche Touren zu alt oder faul bin und als Enkelkinderaufpasser daheim Zivildienst leisten muss, werde ich den Kleinen einfach das Bild von Gunnar Berg zeigen. Dazu die sympathische Geschichte von den an- und rückständigen Segelfischern erzählen, die ihren raffgierigen Kollegen im Trollfjord eine Tracht Prügel verpassten. Weil ab und zu in der Geschichte ja die Guten statt die Stinker gewinnen. Beiläufig würde ich erwähnen, dass ich da mal zu Fuß hin sei. Über den Sattel und so. Die Kleinen werden mich angucken wie ein Yeti. Die Tour finden die Kleinen bestimmt cool, falls die Bezeichnung für Extratouren und Heldentaten dann in unserem Wortschatz noch vorkommt.

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Zu Fuß nach Arquà Petrarca

Ein Spaziergang durch die Vulkanberge gerade mal 90 Busminuten vom Flugplatz Marco Polo oder dem Bahnhof von Venedig entfernt. Von Erdmann Braschos Wenige Kilometer südwestlich von Padua erheben sich seltsam kegelförmige Berge aus der Ebene des Veneto. Meist sind sie von der Stadt zu sehen. Gegen Abend, wenn der 470 Meter hohe Monte Grande beginnt, seinen langen Schatten zu werfen, rücken die Euganäischen Hügel durch den Mittelmeerdunst und Diesigkeit der betriebsamen Region an Padua heran, locken die Flanken der seitlich beschienenen Hänge zu einem Ausflug. Burgruinen, Gehöfte, Dörfer, Kirchen, Klöster und Villen lugen durch das Grün der bewaldeten Hügel und Weinberge. Terrakottafarbene Tupfer der Schindeln und Gemäuer verheißen ländliches Idyll. Ein überschaubar kleines Mittelgebirge, gut 18 Kilometer in Nord-Südrichtung, sieben Kilometer ohne die östlichen Ausläufer und westlichen Kegel breit. Durchzogen von gut 200 Wegen, von denen Zwanzig als Wanderrouten gekennzeichnet sind. Gerade richtig für den überwiegend sitzenden Menschen, der es gewohnt ist, sich befördern zu lassen, den Reiz des Gehens dennoch nicht vergessen hat. Außerdem ist die Erkundung der Euganäischen Hügel der ideale Ausgleich zum Ansturm der Eindrücke und großstädtischen Trubel eines Venedigbesuchs. Ein Hotelzimmer in einem der berühmten Thermalbäder Abano oder Montegrotto im Osten der Hügel ist noch zu haben. Bereits die alten Römer kurten hier. Später schätzte der Adel der K.u.K. Monarchie die wohltuende und lindernde Wirkung der heißen Quellen. Heute bevölkert der moderne Wellnesstourismus das mineralienhaltig brühwarme Wasser der Thermalbäder. Man dämmert und döst im Schlamm der Fangopackungen. Ich suche mein Wohlergehen oben, im eigenwilligen Hügelland. Übergangslos ragt es über die Ebene des Veneto, wie eine Inselgruppe aus dem Meer. Ein Stoffbeutel für Antonio Mazzettis vorzüglichen Wanderführer, Zahnbürste, Rasierer, das nötigste für einen Spaziergang mit Übernachtung irgendwo in den Hügeln findet sich morgens an der Rezeption. In Teolo, einer Ortschaft auf dem Sattel des Monte Grande, steige ich aus dem Auto, gehe los. Wohin ist beinah egal. Die Euganäischen Hügel sind überall schön. Verlaufen kann man sich nicht und alle paar Kilometer kommt bereits das nächste Dorf. Einen Berg wie den Monte Pendice links über mir habe ich noch nie, vielleicht in einem Fernsehfilm über exotische Länder mal gesehen. Rechts wellt er lieblich und sanft nach Vò hinab. Links hängen Bäume am Fels, klammert sich Gebüsch über dem Abgrund. Nebel und Gegenlicht des Morgens steigern die Dramatik. Diese kleine Sensation lenkt meine Schritte zunächst nach Castelnovo. Außerdem zieht es Germanen in Italien grundsätzlich südwärts. Vor 30 Millionen Jahren schuf Vulkantätigkeit die Euganäischen Hügel. Abgesehen vom Wasser der Dolomiten, das nach mehrjähriger Wanderung mineralisiert und erhitzt in den Thermalbädern im Osten der Hügel quillt, haben die Berge mit den Alpen wenig zu tun. Der unterschiedliche Abtrag weicher und harter Steinschichten formte das abwechslungsreiche, lieblich bis schroffe Hügelland. Mit dem harten Zoronitgestein wurde halb Venedig gepflastert. Es gelangte auf den einst viel genutzten Wasserstraßen des Veneto zur Lagunenmetropole. Die Pflanzenwelt der Hügel ist ein Mix alpiner und mediterraner Flora und zeugt vom angenehm gemäßigten Klima. Buchen, Eichen und Kastanien gedeihen hier wie Ginster, Oliven- und Obstbäume. Die Kastanie ist hier so beliebt, dass sie als Gemüse zum „Cappone con marroni“ gereicht wird. Der Castagnaccio aus Kastanienmehl ist eine Kuchenspezialität von Teolo und leider, leider erst etwas für den Nachmittag. Wer sich auskennt und genau guckt, entdeckt im Gebüsch der Euganäischen Hügel die wildwachsende Jujube. Die Frucht hat die Form einer Olive und ist beinahe kirschrot. Früher, als die Heilmittel noch aus der Natur kamen, wurde Jujube bei Husten genommen. Heute ist sie eine Süßigkeit. Die Einheimischen nennen die kuriose Frucht in ihrer Mundart „Zizola“. In der Abgeschiedenheit der Hügel gedeihen sogar noch einst, in der Antike übliche Wildkräuter, die es eigentlich nicht mehr gibt. Die Euganäischen Hügel sind eine Enklave der Vielfalt. Alle paar Gärten und Gatter echauffieren sich vorlaute Kläffer über den Spaziergänger. Mit einem energischen „Basta“ wird das Gebell abgestellt. Knurrend trollen sich die kleinen Aufpasser. Natürlich drehen sie sich alle paar Schritte noch mal um. Der Fremde wird im Auge behalten. Sicher ist sicher. Köter sind überall, auch ein- zweihundert Meter über der Ebene des Veneto, wo manches anders ist, gleich: Riesenschnauze und beim ersten Widerspruch wird gekniffen. Ab und zu surrt ein Radler im papageienbunten Pistendreß über die kurvenreichen Sträßchen. Die Hügel sind ein Zweiradeldorado, ihre Steigungen im ersten Gang ohne weiteres zu wuppen. Nach einer Weile verdampft der Dunst in der erstarkenden Sonne und gibt den Blick auf die ferne Ebene Richtung Adria frei: Zwischen Gewächshäusern und Obstplantagen die Hotelkomplexe von Abano und Montegrotto Terme. Die mehrstöckigen Funktionsbauten überragen beinah die Kirchen. Hier oben stellt sich das Wohlergehen von selbst, Schritt für Schritt, ein. Die Sonne hat schon Kraft und die Natur erwacht an diesem sonnigen Märztag. Da und dort liegen in den schattigen Lagen noch Schneereste. Den Nachteil der noch kahl-grauen Bäume erkaufe ich mit dem Vorzug wunderbarer Ruhe, von den vorlauten Vierbeinern in  den Ortschaften mal abgesehen. Kaum fröhliche Wandervögel, moderne Wellnessmenschen oder keuchende Leistungssportler, bloß zwitschernde Vögel und jede Menge Frieden. Ideal sind die Monate März bis Juni, wobei die Wochen nach Ostern den Deutschen Urlauber mit blühendem Unterholz und grünenden Bäumen beglücken. Nach dem endlosen Winter nördlich der Alpen ist der vorgezogene Frühling im Süden wahrlich labend. Im Hochsommer bieten die bewaldeten Höhen zwar Kühle und Schatten. Jedoch wird es im Lauf der Mittagsstunden für ausgiebige Wanderungen auch in den Hügeln zu heiß. Empfehlenswert ist der Herbst, der in Arquà Petrarca, dem bekanntesten Ort der Hügel, am ersten Oktobersonntag mit dem Jujubefest begrüßt wird. Kleines italienisches Mittelgebirge. Die Jacke ist geöffnet, der Stoffbeutel hängt über der Schulter. Während des Auf und Ab bei Torreglia leert sich die Wasserflasche. An der Schulter des Monte Rua entdecke ich, wenige Serpentinen unterhalb, eine Ortschaft. Die mächtige Kirche, sie hat selbst von oben gesehen eher das Format eines Doms, läutet. Der Magen ist auch der Meinung, es wäre Zeit für eine Pause. Okay, Galzignano. Bauern nesteln an ihren Reben. Jedes zweite Gehöft lockt mit Agroturismo, einer Kostprobe naturnah bodenständigen Lebens. Auf die 13 verschiedenen D.O.C. Weine ist die hiesige Winzergemeinschaft besonders stolz. Das Consorzio Vini der Colli Euganei ermittelt alljährlich die dreißig besten Weine der Gegend. 2005 wird die Liste vom Pinello und Serpino des Jahrgangs 2002 der Weingüter la Costa dei Fratelli Faccin geführt. Sie reicht bis zu Spumante und Passito Dessertweinen der Jahrgänge 2002, 2000 und 1999. Seit der Vereinigung Italiens wird in den Euganäischen Hügel zunehmend Cabernet angebaut. Eine unproblematische Rebsorte, die sich zudem gut mit anderen mischen läßt und hier der gängige Tischwein ist. Nähme der Wanderer all die Gelegenheiten zur Weinprobe wahr, er käme nicht weit. Sogar eine strada del vini führt durch die Euganäischen Hügel. Ich empfehle eine gut gefüllte Geldbörse und einen Kombi mit abstinenter Begleitung. So können mehrere Weingüter abgeklappert werden. Gut möglich, dass die Spaghetti, die ich in der Via Roma zu einem Glas rotem Cabernet genieße, zu den besten zählen, die ich je um die Gabel wand. Natürlich trägt der Vormittag zu dieser Einschätzung das seine bei. Jedenfalls habe ich noch nie Bigoli gegessen, die dickste Spaghetti-Variante, die es gibt. Sie werden stets frisch aus Weizenmehl, Wasser, Butter, Salz und Eiweiß zubereitet. Die Spätzle der Italiener sind eine Spezialität der Region Padua. Mit Bigoli gewinnen Eltern ihre Kinder für stinklangweilig bis uncoole Waldspaziergänge durch die Euganäischen Hügel. Kleine Menschen mögen ja immer klare, einfache Sachen: eine Lebensweise, zu der kluge Erwachsene vielleicht eines Tages mal wieder zurück finden. An Galzignanos Via Roma komme ich bei einem Teller Bigoli mit einer Pilz-Tomatensauce dazu. Ein Kaffee kompensiert die Wirkung des zweiten Gläschens Cabernet. Dann wird es Zeit den bunten Beutel zu schultern und weiter zu ziehen. Nach einer Stunde öffnet sich das Gatter zum barocken Themengarten der Villa Barbarigo. Im schulterhohen Heckenlabyrinth verlaufen sich höchstens kleine Erwachsene und richtige Kinder. Von der angehobenen Rotunde mit umranktem Ruhebänkchen in der Mitte des Labyrinths werden die Bälge im Auge behalten. Sie werden die Euganäischen Hügel zweitens dank dieses Irrgartens, wo man sich so schön austoben kann, mögen. Nebenan dreht der schwarze Schwan mit rotem Schnabel eine müßige Runde im Bassin des Dianabads. Ob er Glück und Frieden solitären Lebens zu schätzen weiß? Er hat es ja immer. Im Teich der Winde paddeln weiße, gelb beschnabelte Schwäne. Enge Laubengänge spenden im Sommer willkommenen Schatten. Eine Kröte genießt mit dem Kleinen auf der Schulter die ersten kräftigen Sonnenstrahlen. Kleine Frösche werden lang huckepack getragen. Auch auf der Kanincheninsel wird das erste Sonnenbad genommen. Die Tiere fletzen und räkeln im Stroh. Ob es sie stört, dass sie eingesperrt sind? Oder nehmen sie die Einschränkung nicht mehr wahr? Die Kanincheninsel des Themenparks soll an die Grenzen und Endlichkeit des Lebens erinnern. Denn zum Fressen und Faulenzen ist das Gastspiel auf dem Erdenrund auf Dauer zu schade. Mal durch die Euganäischen Hügel spazieren, gucken und nachdenken ist schon besser. Die neuerdings bis hin zu den Wasserspielen aufwendig wiederhergestellte Anlage aus dem 17. Jahrhundert ist einer der letzten vollständig erhaltenen symbolischen Gärten. Einst landete Zuane Francesco Barbarigo von Venedig im Boot durch die Kanäle kommend am Dianaportal, begrüßte die Tiere und genoss das ländliche Idyll fern der Lagunenmetropole. Die Euganäischen Hügel waren bereits damals eine Enklave. Auch heute sind sie kaum, am ehesten Italienern bekannt. Am späten Nachmittag ziehe ich durch Olivenbäume und Weinberge nach Arquà Petrarca, jenes mittelalterliche Dorf, in dem Francesco Petrarca, mit Dante Aligheri und Giovanni Boccacio das Dreigestirn der italienischen Literatur, ab 1370 seine letzten Jahre verbrachte. Die wunderbare Kassettendecke der betagten Casa Petrarca hat die Jahrhunderte überstanden, Tisch und Bücherschrank des Arbeitszimmers auch. Die Schatten werden länger, die Kühle des Abends kriecht in die Jacke. Der bunte Stoffbeutel lehnt an der Bank. Im Garten versteht der Spaziergänger, das der rastlose Altertumsschwärmer, von immer neuen Projekten, manchem diplomatischem Botengang und fortwährend schriftstellerischer Selbstbespiegelung geplagte Briefschreiber und Lyriker hier, im Süden der Euganäischen Hügel doch noch etwas Ruhe fand. Selbst von seinen Weinstöcken war der Abstinenzler Petrarca angetan. Natürlich genoss der standfest geschulte Kirchenmann seinen Wein nicht einfach. Er sah ihn als „Gegengift der Wollust und Ermutigung zur Zügellosigkeit.“ Es wird dunkel. Ich schultere den Stoffbeutel und gucke mich nach einer Bleibe um. So viele zwitschernde Vögel und so viel Frieden hatte der Besucher schon lang nicht mehr. Merian Heft Venedig

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Horizontverschiebung

Hier geht es um eine Insel im Bayerischen Meer, glückendes amphibisches Leben und einen 90. Geburtstag. Und um die Segelyacht Dreamtime. Nach weithin verbreiteter Ansicht gilt ein Boot als entbehrliche Sache. Was nicht zwingend zum alltäglichen Leben erforderlich scheint, steht bei der hinsichtlich Spielzeug vernünftigen weiblichen Fraktion der Familie unter mindestens latentem Rechtfertigungsdruck. Jeder, der sich eine Liebhaberei wie ein Motorrad, einen Oldtimer oder Sportwagen gönnt, kennt diese unschöne Opposition. Bei einem schwimmenden Spielzeug kann sich das zum brüsk formulierten Veto auswachsen: Das Boot oder ich. Der Münchener Fotograf Ulli Seer wurde durch die elterliche Ferienwohnung auf der Fraueninsel im Chiemsee geprägt. Er ist etwa so lange auf dem Wasser unterwegs, wie er schwimmen kann. Als Fünfjähriger takelte er einen Ruderkahn mit einer Zeltplane als Segel auf, wagte sich in einer lokalen Bootsklasse wie dem sogenannten Chiemsee-Schratz weiter raus und bretterte in den siebziger Jahren als Student mit einer flotten Jolle über die Regattabahnen. Zur Vermeidung müßiger häuslicher Latenzen entschied Seer sich für eine dem Wassersport zugewandte Frau. Dazu musste er weit, bis ins ferne Australien, reisen. Das ist insofern bemerkenswert, weil das Polyglotte nicht direkt zur Heimatverbundenheit des Bayerischen, soweit wir es verstehen, passt. Auf die zweite und dritte Anomalie kommen wir später zu sprechen. Anfang der Achtziger war Seer klug genug, seine Begeisterung für das amphibische Leben im und am See zugunsten von Beruf, Frau und drei Kindern mit einem behäbigen Jollenkreuzer zu domestizieren. Zunächst. Das ist nicht selbstverständlich, weil die im Märklinidyll der Gegend gelegene Fraueninsel mehr als ein romantisches Fleckerl Erde ist, wie es die Fremdenverkehrswerbung zutreffend beschreibt. Auch außerhalb des mächtigen Klosters ist das Eiland in seiner herrlichen Jenseitigkeit ein Ort, wo es zur dauerhaften Horizontverschiebung kommen kann. Es ist einfach derart schön dort, dass man bleiben und die Nötigungen festländischer Pflichten vergessen möchte. In diesem Idyll wird Seer mit einer der schönsten schwimmenden Skulpturen des Bayernmeeres groß, dem Vierzig-Quadratmeter-Schärenkreuzer Argo V. Das flachbordige Geschoss ist etwa 15 Meter lang und richtig schmal. Eines der extremsten Exemplare der ursprünglich schwedischen Bootsklasse, mit seinen Proportionen 1924 vom besessenen Segler, Architekten und Bootskonstrukteur Gustav Estlander auf die Spitze getrieben. Die schwimmende Extravaganz liegt an einer Boje in Sichtweite der elterlichen Ferienwohnung. „Irgendwann einmal werde ich so ein Schiff segeln“, ahnt Seer damals. Ende der achtziger Jahre scheint es so weit zu sein. Der langjährige Besitzer Erwin Ludescher ist verstorben, und die Angehörigen haben das bedenklich leckende Gefährt vorsichtshalber bergen lassen. Argo steht „aufgebahrt“ in einer Halle, wie Seer zurückblickt. Trügerische Erinnerungen aus verblichener Jugend an den intakten Renner schieben sich tückisch vor die Realität des morschen Gebälks. Gefährlich ist auch der lockende Preis. Die Sicherungen sind bei Seer schon fast draußen, als er Bootsbauer Bepp Heistracher um Rat fragt. „Lass die Finger davon, das ist ein Fass ohne Boden.“ Tja, solche Handwerker gibt es, gradlinige Leute, die dem Liebhaber und Träumer in gebotener Klarheit einschenken und den Horizont wieder geraderücken. Die kostspielige und zeitraubende Sanierung passt nicht in Seers Gesamtlebenskunstwerk als Freiberufler, Familienvater und Segler. Doch der Traum von einem hinreißenden Segelboot für das Bayerische Meer bleibt. Vernünftiger als Seers Jugendliebe „Argo“ Nach einer Weile tapferen Wartens begegnet Seer im Sommer 1990 am Bodensee einem Dreißig-Quadratmeter-Schärenkreuzer. Er ist kürzer, etwas breiter, insgesamt vernünftiger als Seers Jugendliebe „Argo“. Ein vergleichsweise handliches Gefährt aus klar lackiertem Mahagoni, mit einem weißen Dach in der vergessenen Machart alter mit Leinen bespannter Kajüten. Dazu kleine Bullaugen und ein Fach zur Ablage der Leinen, der sogenannte Mastgarten. Ein Gefährt mit musealem Charme. Seer erliegt ihm augenblicklich. Es heißt „Elch“ und hat den entscheidenden Vorzug, dass er angesichts der Bürde absehbarer Instandsetzungsmaßnahmen und alljährlicher Pflege damit zwar in die Knie gehen, aber nicht absaufen wird. Ein traditionell aus waagerechten Planken über senkrechten Rahmen (Spanten) gebautes Boot ist im Prinzip ein Parallelogramm, dessen Bauteile im Lauf der Jahrzehnte etwas Spiel bekommen. Sie verschieben sich und lassen Wasser herein, bis man mehr mit dem Pumpen als dem Segeln beschäftigt ist. Es handelt sich um ein Exemplar der angesehenen Werft Abeking & Rasmussen, wo am linken Weserufer in Lemwerder bei Bremen weltweit gefragte Holzboote entstanden. Werftinhaber Henry Rasmussen berichtet in seinen Memoiren „Yachten, Segler und eine Werft“ über das Jahr 1929: „Ein interessanter Bau war auch der Schärenkreuzer ,Pasch‘ meines Freundes Erich F. Laeisz, Hamburg. Da Herr Laeisz ein großer Förderer der Schärenkreuzer war und gern experimentierte, so kamen wir überein, unseren beiderseitigen Freund Alfred Mylne einen 30er zeichnen zu lassen. Um Mylne in die ganze Schärenkreuzer-Materie einzuweihen, sandte ich ihm meine neuesten Risse. Die Konstruktion von Herrn Mylne hatte viel Ähnlichkeit mit meinen Booten, war in vielem aber doch wieder anders, mehr für englische Verhältnisse zugeschnitten mit geradem Mast und größerer Verdrängung.“ Der Schärenkreuzer ist damals Avantgarde Der Hamburger Reeder Laeisz ist damals in der glücklichen Lage, sich ungebremst von lästigen Sachzwängen wie Budget- und Zeitfragen der Parallelwelt intensiv ausgeübten Segelsports widmen zu können. Er lebt gediegen an der Hamburger Außenalster, seinerzeit ein nobles Suburbia, so gelassen, wie wir es uns heute auf der Fraueninsel denken. Die Horizontverschiebung geht damals so weit, dass Laeisz sich nahezu jährlich eine vielversprechende Rennyacht bauen lässt, sie auf der Alster, auf der Kieler Förde oder zur Abwechslung auch mal in den Staaten vor Long Island segelt. Der Schärenkreuzer ist damals Avantgarde. Eine Marotte der Familie Laeisz ist es, ihren Schiffen einen mit „P“ beginnenden Namen zu geben. Die besegelten Frachtschiffe der Reederei, wie beispielsweise die „Padua“ (heute „Kruzenshtern“), die „Passat“ (Museumsschiff in Travemünde) oder die „Peking“ (wird derzeit für den Hamburger Hafen hergerichtet) werden daher P-Liner genannt. Der Tatsache, dass sie schnelle Reisen absolvieren, verdanken sie den Namen Flying P-Liner. Diesen Namensgebungsbrauch setzt Laeisz privat mit „Pasch“ fort. Sein nächstes Boot heißt „Pan“. Die zweite und dritte Anomalie Seit drei Jahrzehnten ist Familie Seer nun mit der ehemaligen „Pasch“ auf der Reibfläche von Wind und Wasser unterwegs. Am liebsten bei Hochdruckwetterlage, wenn eine gleichmäßige Ostwindthermik nachmittags eine köstlich konstante Brise übers Bayerische Meer schickt. Dann preschen die maronenbraunen Planken durch das grüne Wasser dem Alpenpanorama mit Hochplatte und Kampenwand entgegen. Ein seglerisches Nirwana. Sollte an heißen Sommertagen jedoch die Luft stehen, hängt die australische Fahne schlapp am Heck. Dann dient die „Dreamtime“ als Badeplattform. Womit wir bei der zweiten und dritten Anomalie wären. Der blaue Southern Cross erinnert an die australische Herkunft von Ehefrau Jill. In seinen „Songlines“ hat Bruce Chatwin die Wanderschaft der Aborigines anstelle der Sesshaftigkeit als ideale Lebensform, als „Dreamtime“ beschrieben. Auch passt der Name zur schönen Auszeit auf dem See. Die Töchter Nicola, Daniela und Sohn Benny wuchsen mit dem Boot auf. Es sieht danach aus, als würde der Stammhalter die Segelleidenschaft des Vaters und des Großvaters fortsetzen. Wenn außer Seer keiner Zeit hat, geht er mit „Linoo“ an Bord. „Das ist ein Pointer-Mischling. Meine Tochter Nicola brachte ihn aus Griechenland mit. Er ist zwar schon zweimal über Bord gefallen. Aber ich hab ihn immer gepackt und ins Boot gehoben.“ So ein flachbordiger Renner ist halt schon auch praktisch. Die gute Zeit an Bord lässt die Instandhaltung der Antiquität fast vergessen. Gleich nach der Übernahme des Boots wurden 30 Meter Planken gewechselt und ein neues Deck verlegt. Es hat mittlerweile Patina. Und wenn 2,7 Tonnen Mahagoni über Eiche und Blei auf so gelassen australisch-bayerische Weise in die Familie reinwachsen, kann man auch mal den 90. Geburtstag des Gefährts bei einer konstanten thermischen Brise aus Ost feiern.

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Luca, Stefano und das krumme Geschäft

Die venezianische Gondel ist Transportmittel, Prestigeobjekt und Touristenschaukel. Vor allem ist sie aber eins: krumm. Nur so kann sie seitwärts gleitend geradeaus fahren. Das ist nicht ohne weiteres zu verstehen, aber ganz einfach. Eigentlich müssten die Kanäle der amphibischen, von Wasserstraßen durchzogenen Adria-Metropole als Heimat der venezianischen Gondel der ideale Ort sein, etwas über das merkwürdig gekrümmte Gefährt der Serenissima zu erfahren. Schneller, als der Besucher gucken kann, sieht er sich in ein sacht schwankendes, mit Samt gepolstertes Gefährt komplimentiert, um alsbald zwischen verzückt lächelnden Japanern, „gorgeous“ rufenden Yankees und den ersten digital filmenden Russen zu sechst für 80 Euro eine dreiviertel Stunde durch die schattigen Häuserschluchten zu treiben. Für eine Bootspartie sind die Gondolieri zu haben, erzählen wollen sie über ihr Gefährt und ihre Arbeit aber nichts. Immerhin sind nach beharrlichem Fragen bei abends ermattendem Besucherstrom Luca Rizzi und Stefano Galletta zu Auskünften bereit. Wir treffen uns an der südlichen Treppe der hölzernen Accademia-Brücke. Rizzi und Galletta stehen mit Strohhut, blau-weiß gestreifter Marinéra, dem Matrosenhemd, in schwarzer Hose und schwarzen Schuhen am Dorsoduro-Ufer. Man glaubt gern, dass es sich bei dieser Kluft um die traditionelle Kleidung eines Gondoliere handelt. Dabei wird der Strohhut in der Zunft erst seit dem Zweiten Weltkrieg getragen, das Matrosenhemd seit den siebziger Jahren, als Venedig-Reisen mit Bootspartie üblich wurden und dem Gondoliere mit der Spezialisierung auf den Fremdenverkehr ein regelmäßiges Einkommen boten. Die Hemden waren zunächst rot-weiß, später blau-weiß gestreift. Rizzi hat die Aufgabe, mit dem Fremden zu plaudern, während Galletta mit Adleraugen den Besucherstrom über die Brücke im Blick behält und das Zaudern oder Verweilen eines Passanten als Einstieg in eine beiläufig eingefädelte Kaltakquisition nimmt. Kiellos plattbödige Konstruktion „Rudern ist einfach“, meint Rizzi. Anstrengender sei, „jeden Tag 14, 16 Stunden auf den Beinen zu sein und Kunden zu kriegen“. Die vergleichsweise einfache Handhabung ihres schwimmenden Arbeitsplatzes verdanken die Gondolieri Domenico Tramontin. Ende des 19. Jahrhunderts gab Bootsbauer Tramontin der Gondel die charakteristisch asymmetrische und gekrümmte, rechts um 24 Zentimeter gekürzte Form. Die Asymmetrie und mehr Volumen auf der linken Bootsseite gleichen das Gewicht des backbord stehenden Gondoliere aus. Der Gondelrumpf ist so geformt, dass er leer deutlich nach rechts geneigt, mit dem Gondoliere an Bord leicht nach rechts geneigt, mit kommod auf den Bänken sitzenden Passagieren waagerecht schwimmt. Die Mitte des Schiffs liegt etwa 15 Zentimeter neben der üblichen Mittschiffslinie. Die Konstruktion kündet von einer virtuosen Beherrschung der Netto- und Bruttoschwimmlage. Die gekrümmte Bootsform lässt die Gondel unabhängig von ihrer Beladung geradeaus fahren, wobei sie ständig seitwärts nach links über das Wasser rutscht. Es ist eine kiellos plattbödige Konstruktion mit seitlich gekrümmten, am Übergang zum Gondelboden geknickten Spanten. Die Vorwärtsbewegung des Gondoliere erzeugt vorübergehend einen Gierwinkel von gerade mal vier Grad, was eine geringe Kursabweichung durch das steuerbordseitige Ruder ist. Die Fèro symbolisiert die sechs Stadtteile Anhand eines CAD-Programms (Computer Aided Design) beschäftigte sich der italienische Ingenieur Carlo Donatelli eingehend mit der Schwimmlage, den Auftriebsverhältnissen, der bemerkenswerten Manövrierfähigkeit und Kursstabilität des Gefährts. Interessant ist auch die ergonomische Standposition des Gondeliere auf dem leicht abschüssigen Achterdeck des Bootes, die einst Sicht über das früher überdachte Gefährt und Diskretionsabstand zu den Passagieren bot. Nachzulesen in Carlo Donatellis „Monographie La Gondola, una stradordinaria architettura navale“. Bis zu Tramontins pfiffiger Idee wurde die venezianische Gondel von mindestens zwei Ruderern bewegt. Es wird angenommen, dass der abnehmende Reichtum in der Lagunenmetropole die Rationalisierung erzwang. Ein Gondoliere musste fortan an Land bleiben und sich anderweitig verdingen, eine frühe Maßnahme eiskalten Outplacements. Seitdem wird praktisch jede Gondel allein, „alla venezia“, also von einem hinten links stehenden, in Fahrtrichtung blickenden Gondoliere, bewegt. Die Fèro genannte stählerne Bugzierde der Gondel symbolisiert die sechs Stadtteile und ist neben dem Campanile San Marco längst Wahrzeichen Venedigs. Die Massenträgheit des Gewichts der Bug- und Heckverzierung verzögert Donatelli zufolge das Giermoment bei Geradeausfahrt und vereinfacht die einmal in Gang gesetzte Drehbewegung der Gondel, deren Wasserlinienlänge leer 55 Prozent der Gesamtlänge entspricht, beim Umschiffen von Kanaleinfahrten Die üblichen Kitschfallen Venedigs Interessant ist die Fórcola als Druckpunkt und vielseitig verwendete Führung des Ruders. Ellenbogenförmig aus Kirsch- oder osteuropäischem Walnussholz getischlert, ermöglicht sie entlang ihrer Rundungen und Ausbuchtungen vom Schnellgang über verschiedene Anlegevarianten bis zur Rückwärtsfahrt sieben verschiedene Fahrtzustände und hilft dem Könner bei der routinierten Handhabung des langen Ruders selbst in engen Kanälen. Damit ist die Fórcola vielseitiger als das Getriebe jedes modernen Autos. Sie wird binnen drei Tagen von den Remeri, den Ruder- und Fórcoletischlern geschnitzt. Drei Spezialisten dieses Handwerks gibt es dafür noch in Venedig. Sie fertigen die Fórcola je nach Größe, der Kniehöhe und Vorlieben des Gondoliere. Einem von ihnen ist mit „Fórcole, a cura di Saverio Pastor“ ein sehenswerter 136 Seiten starker Bildband gewidmet (siehe Kasten). Längst hat sich die Fórcola vom nüchternen Gebrauchsgegenstand zur kunstgewerblich herausgehobenen Skulptur verselbständigt. Für den Reisenden mit Sinn für anspruchsvolle Tischlerei ist der Besuch der Werkstatt eine Möglichkeit, die üblichen Kitschfallen Venedigs zu umschiffen und den Aufenthalt in der Stadt mit einem handwerklichen Einblick zu vertiefen. Verdienst eines Assistenzarztes Saverio Pastor, der sein Handwerk Ende der siebziger Jahre beim sogenannten Forcolekönig Giuseppe Carli und Ruderspezialisten Gino Fossetta lernte, gründete 2002 den Verein El Fèlze. „Die Gondel ist ein dynamisches System. Es setzt das Wasser, das Gefährt und den Gondoliere voraus. Erst die Fahrt durch das Wasser wandelt ihre Asymmetrie in eine Art von Symmetrie, die Fahrt geradeaus. Man kann eine Gondel nicht ohne weiteres hinter einem anderen Boot herziehen. Sie funktioniert nur mit dem Gondoliere als Antrieb und Steuermann zugleich. Alles hängt miteinander zusammen, so wie die Gondelkultur viele verschiedene Handwerke voraussetzt“, sagt Pastor. Über die Position der unten als Vierkant ausgeführten, im Bootsdeck steckenden Fórcola gibt es verschiedene Ansichten. „Vor einer Weile wurde sie dreißig, vierzig Zentimeter nach vorn gelegt. Da kann man mehr Druck machen und ist wendiger. Mit der hinten sitzenden Forcola fährt man leichter geradeaus“, berichtet Rizzi. Früher war die Gondel als privates Fortbewegungsmittel in der Stadt so selbstverständlich wie heute das Auto außerhalb Venedigs. Zum gutsituierten venezianischen Haushalt gehörte die gondola casada nebst Personal zu deren Handhabung, für Botenfahrten, zum Abholen oder Übersetzen der Familienmitglieder oder Gäste. Der in den fünfziger Jahren anschwellende Fremdenverkehr machte das Verkehrsmittel zum Highlight eines Venedig-Besuchs und damit für private Haushalte zu teuer. Er liquidierte und wandelte die Tradition zugleich. Heute verdient ein Gondoliere im Fremdenverkehr mit 80.000 Euro ungefähr so viel wie ein Assistenzarzt oder Unternehmensberater auf halber Höhe seiner Karriereleiter. Die Fèlze ist verschwunden Zwar soll es immer noch die eine oder andere Privatgondel geben, die aus sentimentalen Gründen oder Stolz gehalten wird, eher findet man sie jedoch als Exponat in der interessanten Gondelabteilung des Schifffahrtsmuseums Museo Storico Navale (Castello 2148, täglich 8.45 bis 13.30 Uhr geöffnet), wo unter anderem Peggy Guggenheims private Gondel ausgestellt ist. Von den Kanälen verschwunden und allenfalls auf historischen Gemälden und verblichenen Fotos, mit viel Glück beim Blick in die Hinterhöfe zu entdecken ist die Fèlze, ein leichter hölzerner Aufbau mit einem halbrunden Dach, einer schmalen Tür und kleinen Fenstern, der auf die Gondel gesetzt wurde. Im Sommer spendete die Kabine Schatten, die Lamellen boten Diskretion und ließen auch an heißen Tagen etwas Luft herein. In den nebligen Wintermonaten schützte die Fèlze vor Nässe und Kälte. Der Aufsatz gehörte früher zur Ausstattung jeder Gondel. Im Zeitalter der ausschließlich touristischen Nutzung ist die Fèlze verschwunden. Sie würde den Ausblick sowie Ein- und Ausstieg erschweren. Eiche, Walnuss, Kirsche und Mahagoni Die Fèlze symbolisiert die private Nutzung der Gondel und wäre vergessen, gäbe es die „El Fèlze“-Vereinigung der Künste und Gewerke, die zum Bau der Gondel beitragen, in San Marco 430 (Telefon 0 41/5 20 03 31, www.elfelze.com) nicht. Sie hat sich der Dokumentation und dem Erhalt der Jahrzehnt für Jahrzehnt nivellierten Gondelkultur verschrieben und sich bewusst nach dem bereits obsoleten Zubehör genannt. Das von ihr herausgegebene Faltblatt erklärt die zehn Gewerke von den Squerariòli genannten Bootsbauern über die als Ottonài und Fonditori bezeichneten Schlosser, die Intagiadòri (Kunstschnitzer), Tapessièri (Polsterer), Caleghèri (Schuhmacher), Remèri (Forcola- und Ruder-Tischler), Fravi (Schmiede für die Ferro-Bugverzierung), Indoradòri (Vergolder) bis hin zu den Baretèri (Hutmachern), Sartòri (Schneidern), alles in allem 28 Betriebe. Selbst das Gondelschwarz ist eine lokale Spezialität. Es wird alle zwei Jahre aufgefrischt. Die Gondel wird in fünf Arbeitsgängen aus sechs verschiedenen Hölzern und 280 Teilen binnen vier Monaten gebaut, wiegt etwa eine halbe Tonne und kostet annähernd 30.000 Euro. Sie ist etwa 10,75 Meter lang und 1,38 bis 1,75 Meter breit. Nach der Kiellegung werden zunächst drei Rippen, im Fachjargon Spanten genannt, errichtet und mit der obersten Planke stabilisiert. Dann werden sämtliche Aussteifungen des Bootskörpers mit etwa 27 Zentimeter Spantabstand von oben in die Gondel geschoben. Wie im Bootsbau üblich sind sie meist aus Eiche, wobei für die Aussteifungen mittschiffs bei der Gondel Walnuss genommen wird. Dann wird der Rohbau gedreht und fertig beplankt. Kirsche eignet sich besonders für Gravuren, Mahagoni für das aufwendig geschnitzte Vordeck, Kastanie für Bug und Heck. Die Squero San Trovaso (Dorsoduro 1097) ist neben der Tramontinschen Gondeltischlerei (Dorsoduro 1542, www.tramontingondole.it) die bekannteste Werft und für Besucher zugänglich. Leuchtend gelbe Kunststoff-Imitate 2002 gab es in Venedig noch sieben Gondelbauer. Die Werften schließen nach und nach. Es bleibt abzuwarten, ob der lokale Stolz und Sinn für die venezianische Gondel reicht, das einmalige Gefährt, sein Handwerk und seine Kultur in seiner Vielfalt zu erhalten. Die Fèlze ist bereits verschwunden. Am Geld, das der Fremdenverkehr täglich in die Stadt bringt, kann es nicht liegen. Neuerdings schaukeln Imitate aus glasfaserverstärktem Kunststoff in der Lagunenstadt. Sie sind leuchtend gelb und somit auch von strapazierten Tagestouristen als Fälschung zu erkennen. Sollten Sie mal nach Venedig kommen und den Spießrutenlauf der überall lauernden Gondolieri bis ins Revier vom dicken Rizzi und dünnen Galletta rings um die Accademia-Brücke geschafft haben, können sie bei den beiden ruhig Platz nehmen. Wir hatten ausgemacht, dass wir sie empfehlen, wenn sie was über Gondeln erzählen, und Germanen halten bekanntlich ihr Wort. Ob und wie die beiden singen, wissen wir nicht.

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Xenos und zwei Esel

Mit Eseln durch das Taygetosgebirge in Griechenland gehen ist eine schöne und mühsame Sache. Auch ein interessanter Weg zur eigenen Geduld wie zum Erkunden des Peloponnes. Die gefühlte Strecke, die Pitza, Tacia und ich seit Verlassen von Skoutari, eines Dorfes auf dem linken Mittelfinger des Peloponnes gelaufen sind, ist enorm. Gegen Mittag wollten wir den Ort verlassen. Haben wir im Prinzip auch. Doch bereits zwischen den Steinmauern der Vorgärten haben sich die Beiden begeistert über das frische Grün hergemacht. Ab und zu mahne ich geduldig zum Weitergehen und erkläre, das hier wäre eine Wanderung und keine Freßtour. Doch verstehen Esel entweder mein Bemühen um die griechische Sprache nicht, oder die Verständigung zwischen Tier und Mensch ist sowieso eine jahrtausendealte, vom Vierbeiner geschickt gepflegte Illusion. Die Einsicht meiner Weggefährten hält allenfalls ein paar Huftritte. Dann strafft sich der Strick hinter mir und ich höre wieder das Stillstand verheißende Rupf- und Mampfgeräusch. Nun muß, wer großes vor hat, erstmal Vertrauen schaffen. Das ist an der Börse nicht anders als mit Eseln. Also lasse ich sie fressen. Außerdem stellen die Beiden die Mehrheit unserer Wanderdelegation. Dass sie über hervorragende Menschenkenntnis verfügen, werde ich die nächsten Tage erfahren. Esel haben erstens einen eigenen Willen, zweitens ist er außerordentlich stark, soweit es um den stoischen Ausdruck des Nichtwollens geht. Sie laufen erst, wenn sie klargemacht haben, dass du warten mußt, bis sie bereit sind, ihre Meinung zu ändern. Das kann dauern. Wie diese Bereitschaft herzustellen ist, zählt zu den Geheimnissen der Grautiere. Es gibt keinen Zweifel, dass sich der Mensch deshalb die willenlose Gerätschaft des Automobils ausdachte. Die Sonne nimmt ihren Lauf, nähert sich der Senke zwi­schen dem Sangiasrücken und Taygetosgebirge, bläut den leicht gekräuselten lakonischen Golf. Eigentlich wollte ich immer schon mal Zeit haben, mir das in aller Ruhe anzuse­hen. Der Ginster blüht, die Schmetterlinge haben Betrieb­sausflug. Die Libellen brummen mindestens so wichtig wie unser Außenminister durch die Weltgeschichte. Die Bienen prüfen das Angebot und die Fliegen sind eh gut drauf. Vor allem da, wo Esel mit Ohren und Schwanz, der moderne Zweibeiner nicht mal mit Armen hinlangt. Wellig und unten am Wasser noch sanft hebt sich der Peloponnes aus dem Mittelmeer. Ein herrlicher Steingarten mit Oliven be­schattenen Äckern und Wiesen. Dazwischen vom Meer meistens abgewandten Ortschaften. Heimat eines bis heute zurückgezogen lebenden Menschenschlags, wie ihn Patrick Leigh Fermor in seiner Schilderung einer Wanderung durch die Manihalbinsel in den 40er und 50er Jahren in „Travels in the Southern Peloponnese“ beschrieben hat. Einzig Gythion, wo ich vor einigen Tagen den Proviant für die Tour besorgte, macht einen lebhafteren Eindruck. Pitza und Tacia fressen sich schöne pralle Grasbäuche an. Die Dorfköter kläffen nicht mehr. Das ist schön, muss aber nichts heißen. Hunde gewöhnen sich praktisch an alles. Auch an „Xenos“, den Fremden, der ver­sucht, mit zwei Eseln eine Wanderung durchs Taygetosge­birge zu machen und sich eigentlich noch da aufhält, wo er losgegangen ist. So was bebellt kein griechischer Dorfköter länger, als die arbeitende Bevölkerung des Ameisenhau­fens neben mir benötigt, ein Blatt quer über den Pfad zu schleppen. Ameisen, Käfer. Es braucht Pitza und Tacia, damit ich mir solchen Kinderkram mal wieder ansehe. Wie man zum Esel kommt Die braunen Felsen und die grüne Macchia rücken in den satten Farben der Nachmittagssonne vom gegenüber lie­genden Peloponnes Finger näher. Alles sehr schön. Noch heute vormittag hatte ich keinen Plan, wie ich der Tiere überhaupt habhaft werden könne. Tacia rotierte in einem Tempo am Strick um den Olivenbaum, wie ich es von Dec­kenventilatoren aus den Tropen kannte. Ich sah mich bereits mit lädiertem Nasenbein von einem Huftritt nie­dergestreckt auf dem Boden wälzen, die Dorfgemeinschaft und die Esel ratlos drum herum. Dann zeigt mir Bäuerin Mansothalassitis, wie man zum Esel kommt. Man geht ent­schlossen, ohne jedes Zaudern (das merken Tiere auch wenn sie nicht gucken), hin und ergreift den Strick. So stand erst Tacia, dann Pitza geduldig auf dem Dorfplatz, während ich die strohgepolsterten Sättel zurechtrückte und mein Ge­päck aufs Holzgestell band. Die Ohren wedelten hin und her. Amüsiert, angriffslustig, neugierig, abenteuerlustig? Die beiden sagten nichts. Ich auch nicht. Skeptisch wogten die Köpfe des versammelten Ältestenrats. Er schloß Wetten ab, dass wir drei es nicht über die Dorfgrenze von Skoutari hin­aus schaffen würden. Ob die alten Leute jetzt feixend hinter den Gardinen hocken und amüsiert unser Vorankommen beobachten? Wahrscheinlich haben wir die Dorfgrenze noch vor uns. Dabei hatte ich es mir zuhause mit dem Fin­ger auf der Karte so schön vorgestellt. Ich leihe irgendwo rings um Gythion zwei Esel. Die beiden tragen mein Ge­päck. Wir bummeln durch die spartanische Ebene, biegen ins Taygetos Gebirge ab und queren den Rücken an einer passablen Stelle nach Kardamili. Immerhin gehen wir ge­gen abend noch ein Stückchen. Zwei Olivenbäume, ein Zelt. Was brauchen Tier und Mensch zum Übernachten mehr? Kalí níchta. Den nächsten Tag wollen wir weiterziehen. Ach was: ich ziehe Pitza und Tacia. Dabei sieht es bei den rings ums Mittelmeer Geborenen so leicht aus. Sie gehen. Gelassen, wie der mediterrane Mensch das eben macht. Denn er hat das Leben nicht vor sich. Er lebt schon. Ich dagegen ziehe meine Esel über die Straße von Areopolis nach Gythion. Ist der Deutsche nur glücklich, wenn er auch im Urlaub schuften kann? Dann beschert ein Zufall die Entdeckung, wie bequem es sich hinter statt vor dem Esel geht. Das macht unser phil­hellenisches Stop and Go komfortabel wie bei Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau, dem einen oder anderen Lesenden ud Reisenden vielleicht als Fürst Pückler-Muskau bekannt. Er erkundet im 19. Jahrhundert unter anderem den Peloponnes zu Fuß. Der Esel braucht das Gefühl, er würde entscheiden wo es langgeht. Dann läuft er. Übernimmt der Zweibeiner diese Rolle, bleiben Grautiere stehen und fres­sen. „He, Xenos! Was machst Du da mit den Eseln?“ ruft es aus dem Olivenhain. Es braucht eine Weile, bis ich das sonnengegerbte, von Arbeit, Alter und manchem Ouzou ge­prägte Gesicht zwischen den Zweigen entdecke. Ghía su, Hallo! Der Esel ist zwar ein schweigsames Tier, stellt dafür al­lerorten Kontakt her, sogar zu den arg konservativen, gegenüber mo­dernen Erscheinungen wie dem Fremdenverkehr abgewandten Bewohnern der Manihalbinsel. Ich be­komme das erste von vielen Angeboten der Reise für „meine“ Esel. Efcharistò, danke. Ich möchte Pitza und Tacia behalten. Denn ich mag meine Esel schon ein bisschen. Sie öffnen Augen, Nase und Ohren für Dinge, die zu sehen, riechen, hören ich vergaß. Cherete, adio! Wolfsmilchsträucher, Spornblumen, Ginster Es dauert, bis ich das zahlenfixierte Leistungsdenken ab­streife wie eine unnötige Jacke. Wozu ist es wichtig, ob wir am Tag acht oder 25 Kilometer laufen? Natürlich habe ich Schwierigkeiten, mich aufs Zigeunern einzulassen. Nach und nach nehme ich die Schönheit des großen Stein­gartens wahr, der sich zwischen den Dörfern des Taygetos aus­breitet. Im späten Frühjahr laufen wir um leuchtend gelbe, pilzförmige Wolfsmilchsträucher, queren Felder voll roter Spornblumen und blühendem Ginster. Ich rieche den aromatischen Duft der Tannen, der Kiefern und Zypressen weiter oben, spüre den heißen Wind, den die Thermik manchmal aus den Tälern in die angenehm kühle Brise hinauf schickt. Das Glück der Kindheit: den Tag dreckig beginnen und ohne Waschzwang eingeferkelt beenden. Nachdem es eine Weile her ist, dass ich die Anarchie genoß, mich nicht waschen zu können, freue ich mich dennoch über eine Quelle mit einem gara­gengroßen Bassin im Schatten stattlicher Kastanienbäume. Man wird älter. Ich klettere ins eiskalte Wasser, lege den Kopf in den Nacken, blinzele unter das leuchtend grüne Laub. Die Gedanken treiben. Tacia steht wie ange­wachsen und blickt zu mir hinüber, die flauschigen Eselsohren aufmerksam nach vorne gerichtet: „Xenos.“ Wenige Schritte dahinter Pitza. Denken Esel eigentlich? Wenn ja: was? Jedenfalls gucken sie mit ihrem Pokerface immer gleich lieb. Richtig böse sein kann ich ihnen nie. Auch nicht, als Pitza sich mit gekonnter Kopfdrehung aus dem Halfter windet und mit Xenos’ Ledertasche samt Drachmen, Geld, Fotoapparat, Papieren, Paß und Ticket für einen Tag abhaut. Dass es mir gelingt, sie ohne fremde Hilfe und Unglück mit eigenen Händen einzu­fangen, erfüllt mich für Tage mit Stolz. Als meine Begleite­rinnen sich aus unerfindlichen Gründen weigern, mit mir eine daumenbreite Wasserrinne zu queren, bin ich zwar fällig für eine willenlose Gerätschaft wie das Auto, doch wissen die beiden, wie schnell Zweibeiner zur Versöhnung bereit sind. Nur mit den Ohren verraten sie sich. Mal läßt Pitza sie streitlustig nach hinten über den Kopf ragen, dann stellt Tacia ihre schlanken Löffel senkrecht nach oben – die Öffnung interessiert nach vorn gerichtet. Und während Xe­nos badet, gönnen sich die beiden auch was. Im Dreck wäl­zend verschwinden sie in einer Staubwolke. Die Hufe wir­beln herum. Wie praktisch, dass ich den beiden vorhin das Gepäck abnahm. Esel wälzen sich nämlich auch mit allem drum und dran. Auch ich in Lakonien Gegen Abend kocht Xenos Nudeln mit einer archaisch schlichten Soße. Die Verhältnisse müssen paradiesisch sein, damit diese Absage an die gesamte abendländische Kochkunst schmeckt. Et in Lakonia ego. So heißt die süd­lich an Arkadien grenzende Provinz. Einst setzten die Spartaner in diesen Wäldern ihre Jünglinge aus – ohne Esel natürlich – und warteten, wer wann und wie zurück kam. Eine Mutprobe für die gerade zwölfjährigen Jungen. Da­mals gab es hier Bären und Wölfe. Heute Nudeln kochende Germanen. Auch ich in Lakonien. Browsen, chatten, mailen – alles Mumpitz. Ich logge mich aus einer Welt, in der das Banale in Englisch daherkommt und bei angehobe­ner Flatrate glänzende Aussichten verspricht. Solche Einsichten ver­mitteln Pitza, Tacia und der Tagetos. Dafür schiebe ich den Beiden eine Packung Papadopoulos Kekse Scheibe für Scheibe zwischen die Schneidezähne. Orangen mögen die Beiden auch. Von Dorf zu Dorf eilt uns die Kunde von den Eseln und dem Fremden voraus. Meine Begleitung wird allerorten so fachmännisch begutachtet, als sei ich mit einer Motoguzzi in ein sizilianisches Nest gekommen. In Panitza klöne ich mit dem Krämer, in Konakia kommt der Dorfpoli­zist, in Kokkina Louria hat der Dorfpope für den Fremden Zeit. Verschlafene Dörfer, von holprigen Wegen durchkreuzt: eine Kirche, eine Kneipe, ein Laden, wo die Frauen in Puschen einkaufen. „He Xenos! Was machst Du mit den Eseln?“ erkundigt sich Nikos am Ortseingang von Melissa. „Was? Verreisen? Wohin?“ Ich nicke auf den Bergsattel mit dem Kloster Pana­gia Giatrissa über uns. Nikos schüttelt den Kopf. Gestern erst fiel eine Horde schweißgebadeter, krebsroter Holländer (Holländer, in kurzen Hosen) im Laufschritt in die Gaststätte des Dorfes ein, orderte Mineralwasser, guckte nach Ein­nahme des Getränks auf die Uhr, schob die Münzen auf den Blechtisch und verschwand talwärts Richtung Sparta. Mo­derne Freizeitgestaltung. Jetzt kommt einer mit zwei Eseln. „Hör mal, Xenos: es gibt praktische japanische Esel. Dats­uns, Toyotas und Mazdas. Pickups mit Ladefläche. Arbeit­stiere, die parieren. Die müssen bergauf nicht mit Stöckchen und Hella-Rufen angetrieben werden. Und haben ein baßstarkes Radio und eine Steckdose zum Laden des Telefons. Damit bist Du in einer halben Stunde oben am Kloster Panagia Giatrissa. Es ist ganz leicht. Du schwitzt nicht. Du guckst Dir alles an und wirst nicht mal dreckig dabei.“ Nikos hat recht. Die Beine sind schwer, der Hintern wund, der Magen knurrt. Die Füße wollen nur noch aus den Bergstiefeln. Nikos grinst, nimmt mir die Stricke aus der Hand, flüstert Tacia und Pitza etwas ins Ohr. Dann verschwindet der liebenswerte, schwere Mann mit seiner einmachgläserdicken Brille und dem großka­rierten Hemd mit den Beiden im Dunkeln. Im Lichtkegel einer Glühbirne über Melissas Taverne hockt ein Dutzend Dörfler in der sternenklaren, angenehm kühlen Nacht. Sie haben schon gegessen. Doch finden sich noch Reste. Skeptisch beobachten sie den Fremden, der sich hungrig über Brot, Schafskäse, Wein, Oliven und zwei ge­bratene Eier zu Bratkartoffeln hermacht. Sogar ein Platz zum Schlafen findet sich in Melissa. Ein guter Geist hat Ker­zen angezündet. So finde ich die Kapelle am Ortseingang in der Nacht. Ich breite die Isomatte zu Füßen der in gold und silbernem Blech ge­prägten Ikonen aus. Die Apostel lä­cheln mild. Das Gemäuer schickt die Sonne des Tages als Wärme in den kleinen Raum. In einem Got­teshaus hat Xenos noch nicht genächtigt. Tacia und Pitza schweigen sich eine Weile vor der Kapelle an, dann be­quemt sich jede unter ihren Olivenbaum. Nach zwei Tagen bietet der Taygetos einen Blick auf den nachmittags funkelnden Messenischen Golf. Es ist herrlich kühl. Der Forstweg durch die duftenden Tannen erinnert an den Schwarzwald. Da und dort ein Bach. Gegen fünf entdeckt Xenos eine Lichtung und schlägt sein Zelt auf. In Kardamili endet das Eselsglück des Fremden. Rummel, eine Tankstelle, ein Bus, vor dem sich meine Begleiterinnen arg fürchten. Hupen, Gelächter, Sprüche. Grinsende Lands­leute. Kinder, die den Tieren Wasser bringen. Che­rete, adio. Ich klopfe den schlanken Hals von Tacia, kraule die weichen Ohren und den flauschigen Haar­schopf über Pitzas Stirn. Warum kann ich die beiden nicht mitneh­men? „Hört mal: ich muß wieder zurück. Browsen, mailen, chatten, ihr wißt ja: den ganzen Mumpitz.“ Pitza und Tacia sagen nichts. Diesmal ist Xenos sicher, dass die Beiden ihn nicht verstehen.

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Die Flensburger Rumregatta

 Es gibt verschiedene Gründe, nicht so recht einverstanden zu sein mit der Welt, wie sie gerade ist und wohin das Leben derzeit entwickelt wird. Wofür plötzlich Geld da ist, während es für dringende, nahe liegende Zwecke angeblich keins gibt. Auch den soviel Leben verzehrenden Kreislauf des zunehmend erschwerten Geldbeschaffens und rasant erleichterten -ausgebens, der kein Entrinnen zu kennen scheint, finden wir blöd. Eine kurzweilige Ablenkung von diesem Alltag ist das vorübergehende Eintauchen in irgendeine Freizeit- und Erlebniswelt wie den maritimen Jahrmarkt an der Schiffbrücke der Flensburger Rumregatta, oder deren serieller Genuss als konsequent gelebte Flucht in eine zweite Identität, etwa die des Seebärs. Gern wird eine von Gestern genommen. Das Museale, die romantisierte gute alte Zeit, das Idyll in Sepia erfüllt die Sehnsucht nach dem Langsamen, sicht- und greifbar Verständlichen, nach einer Art verloren gegangener Verlässlichkeit. Wir kennen diese im warmen Licht der Nachmittags- und Feierabendstunden erzählte Wohlfühlwelt aus der Bierreklame oder Werbung für Hochprozentiges. Ganz im Norden Schleswig-Holsteins, fast schon in Dänemark, wo das Grün und das Draußenleben geographisch bedingt etwas später möglich ist, werden die schönen Monate mit der Rumregatta begrüßt. Dann versammeln sich in Flensburg die Schiffer traditioneller Arbeitsboote, der Colin Archer, der Gaffelkutter und Galeassen, der Besan-, Gemüse-, und Seeewer, der Krabben-, Finkenwerder-, Gaffel-, oder Haikutter, der Logger, der Spitzgatter und Steinfischer oder Zollkreuzer. Die Holländer kommen mit Plattbodenschiffen unterschiedlicher Machart. Ein Bootstyp heißt Schokker. Den dazugehörigen Anspruch lösen die klobigen Kähne mit Seitenschwertern im ringsum geschützten Gewässer der Flensburger Förde meist mit niederländischer Effizienz ein. Die Dänen bringen ihre Bornholmer Lachsboote, Jagten, Smakken, all ihre små og store både mit, manchmal kommen sie auch mit einem nachgemachten Wikingerschiff. Sonderliche, wohlklingende Laute von sich gebend, schlurfen die prototypischen low profile Nautiker am Freitagabend vor der Rumregatta mit ihren Holzschuhen bedächtig und dermaßen antriebsarm über die Bohlen, dass sie auf dem Wasser nicht ernst genommen werden. Ein ganz schwerer Fehler. Die Rumregatta ist ein kerniger Konvent krumm gewachsener oder dampfgebogener Eiche unter gerade gewachsener Kiefer für Masten, Rahen, Gaffeln, Bugspriets und Klüverbäume, leicht gekrümmter Papageienstöcke sowie Ruderpinnen und dazu gehöriger, unterschiedlich gerader Menschen mit einem selten anzutreffenden, sympathisch speziellen Eigensinn. Sie sind nicht einverstanden mit der Entwicklung der maritimen Welt, der ganzen modernen Plaste aus Glasfaser verstärktem Polyesterharz. Solche Boote riechen nicht nach Firnis, Teer oder Leinöl. Da schwappt kein Mix aus brackiger Ostsee und allem möglichem, was in einem anständigen Kutter so Richtung Kiel tropft, zwischen den Eichenbohlen der Bilge. Traditionsschiffer haben eher Zeit als Geld, was sehr gesund sein kann. Es sind meist Pudelmützenträger, oft bärtig, gern mit einer Pfeife unterwegs. Hier gibt es noch richtige Langhaarige und andere, die eher zu Bootsausrüstern wie Dauelsberg oder Toplicht als zum Friseur gehen, also nie. Arne Kraft aus Rieseby an der Schlei beispielsweise wird nachgesagt, ab März barfüßig in die Segelsaison einzusteigen und unwillig im Herbst, wenn es doch etwas kalt wird, wieder Schuhe anzuziehen. Das spart, langfristig gesehen, eine erkleckliche Summe, die im Boot besser angelegt ist.  Mit einem Pullover ist man bei dem wechselhaften Wetter an der Küste generell passabel angezogen. Damit lässt sich ein Ölwechsel machen, die Kogge auspumpen oder Bier holen. Wenn es unbedingt sein muss, kann man den Pulli auch waschen. Bei Regen schützt ein bewährter Südwester das Haupt, Stirn und vor allem den Nacken. Dazu steigt man in dieses original unpraktische Fischerölzeug, in dem man bei entsprechender Statur rasch für eine Kugelbake oder signalrot angemalte Backbord Boje gehalten wird. Man stinkt bei körperlicher Betätigung sofort wie vier Ferkel, doch geht man darin selten verloren. Auch kann es nach mehrjährigem Gebrauch einfach in der Kajüte abstellen. Wer anlässlich der Flensburger Rumregatta in aktuellen Segelklamotten erscheint, outet sich sofort als „Yachtie“. Yachtsegler, das sind diese „feinen Pinkel“, die mit weißen Segeln unterwegs sind, den Lifestyle als Sport missverstehen, diesen unnötig bis verkniffen ernst nehmen und sich sowieso für was Besseres halten. Traditionsschiffer sind mit braunen Segeln unterwegs. Das hebt sich besser vom Horizont ab, wird bei Schietwetter weniger übersehen, ist nicht so schmutzempfindlich und kann das ganze Jahr auf dem Baum liegen bleiben. Morgens vor der Regatta machten wir einen kleinen Spaziergang, zwecks heimlicher Katzenwäsche bei den Yachties drüben am anderen, westlichen Ufer und Lüftung des Kopfes. Hingerissen standen wir am Südzipfel der Förde. Die Sonne schien mit einer für Flensburg nicht direkt typischen Penetranz, wie eigentlich nur vom sizilianischen Syrakus bekannt. Wir starrten in den Mastenwald vor dem Gebäude des Schifffahrtsmuseums mit dem Gebälk des Hafenkrans von 1726. Das Grün der frisch bemaiten Bäume, die roten, hellblauen und dunklen Rümpfe vor dem Ocker und Weiß der Fassaden, die roten Schindeln – ach, es war schon schön. Wir vergaßen die meist etwas zugig unterkühlte Stadt mit zentralem Verkehrssünderregister, deren etwas spezieller Versandhandel schon besser ging, dem die Marine und Motorola abhandengekommen ist, wo jetzt auch bei Danfoss zur Säge gegriffen wird, das so genannte Minuswachstum wohl nicht aufzuhalten ist. Früher, als die Schiffe eindeutig charaktervoller waren, wurde an der Schiffbrücke Hering, Zucker oder Tran von grönländischen Walen an Land gehoben. Plietsche Flensburger handelten nicht nur mit dem Norden, ihre Verbindungen langten bis ins Mittelmeer oder die Karibik. Im 18. Jahrhundert gedieh das Geschäft mit Hochprozentigem. Rohrzucker aus Dänisch-Westindien und später aus Jamaika wurde am Südzipfel der Förde zunächst raffiniert und später clever verschnitten. So brachte es Flensburg zu mehr als zwanzig Rummarken wie beispielsweise Asmussen, Detleffsen, Hansen, Pott oder Sonnberg. Zwar ist das alles im Sepia der Geschichte verblasst, doch gibt es ja die Rumregatta. Schlag elf schob die „Willow Wren“ ihre 50 Tonnen in strategisch günstiger Position über die Startlinie draußen vor der Marineschule Mürwik. Es war die 25. Rumregatta von Ulrich Rössner. Als alter Hase hatte er die schnittig schwarze 30 Meter Antiquität mit Motorhilfe so lange an der Startlinie gehalten, bis er mit hart gelegtem Ruder ins Renngeschehen einstieg. Das hatten wir so noch nicht gesehen. Nicht ganz so kaltblütig war die Besegelung. Mit Flieger, Toppsegel und dem Besan blieben trotz des meist moderaten, in Böen frischen Nordwestwinds 80 Quadratmeter eingepackt. Dennoch lief die „Willow Wren“ mit siebzig Prozent ihrer möglichen Besegelung ganz gut. Der diskret im Steuerhaus vor der langen Pinne eingebaute Kartenplotter, so digitale Schiffselektronik mit Flachbildschirm ist irgendwie doch ganz sinnvoll, berichtete von manchmal – boah – acht Knoten. Die Entdeckung der Gemächlichkeit. Wir schoben mit halbem bis achterlichem Wind zwischen den herrlich grünen Ufern die Förde hinaus. Mit so vielen Segeln und Seglern achteraus war das Gewässer das schönste Segelrevier Deutschlands, ach was, der ganzen Welt! Dann kamen sie, diese an Land superschlurfigen Dänen und – noch schlimmer – die Tulpenzüchter mit ihren äußerlich klobigen Kuttern und plattbödigen Schokkern und zogen eiskalt mit schmutzig weißer Bugwelle vorbei. Wir konnten die bedächtigen Laute nebenan hören und, hätten wir hingeguckt, die hochzufriedenen Gesichter sehen. Es war furchtbar. Wir hatten keinen Blick mehr für die idyllischen Ochseninseln (in dänischem Besitz). Wir verbrachten die Zeit bis zur Boje 10, der Wendemarke der Rumregatta, mit tief schürfenden aero- und hydrodynamischen Erklärungen für diesen Skandal. Rössner hatte da einiges im Köcher. Ohne Gründe kommt kein Segler bei unerfreulichem Rennverlauf klar. Der Eigner behauptete steif und fest, er würde die Lumpen alle auf dem Kurs hart am Wind zurück nach Flensburg wieder hinter das Heck segeln. Außerdem müsste ja nur einer von den Übereifrigen vorne bleiben, weil bei der Rumregatta der erste traditionell „irgendeinen Scheiß“ kriegt, der kluge Zweite, also wir, dagegen die Buddel. Lieber Rum als Ruhm, wir müssten uns nur etwas bremsen. Das richtete uns innerlich auf und die vier dümmsten und stärksten, zu denen wir uns angesichts der Bedeutung des Manövers gern zählten, legten an der Großschot in echtem statt simuliertem Teamwork mit dem Boss am Steuer eine derart saubere Halse hin, dass bei dem gefürchteten, Mensch und Material verschleißenden Manöver alles heil blieb und die Boje Alinghi-artig eng gerundet war. Dann kümmerten wir uns unterschiedlich erfolgreich um Dänen und Holländer. Zwar wurden wir nach eigener Beobachtung in unserer Klasse, einer von 18 bei über hundert Schiffen, zweiter, doch ist die „Willow Wren“ streng genommen eine Yacht und „feine Pinkel“, das sind die mit weißen Segeln oder praktischen Klamotten, durften bei der diesjährigen Rum Regatta zwar bei den Braunseglern mitmischen, bei der amüsanten Preisverschleuderung aber bloß zugucken. Arved Fuchs von der „Dagmar Aaen“ kam mit einer Plüschrobbe als „Kalte Füße-Preis“ davon, die „Britta Leth“ kriegte eine Rattenfalle als „Frischfleischpreis“, wohl ein flensburgisch dezenter Hinweis auf eine gewisse Fluktuation in der Mannschaft, die „Anemor“ einen Schutzengell für das Glück im Unglück beim Mastbruch. Die Osterfjord wurde separat für ihre Langsamkeit mit einer ausgestopften Schildkröte prämiert. Man soll selbst eine insgesamt gemächliche Veranstaltung wie die Rumregatta, bei der wir gerade mal zwei Stunden segelten, schon auch etwas ernst nehmen, allein schon wegen der Preise, wenn es denn welche gibt.

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Einmal nach Portofino

Wie eine soziologische Studie herausgefunden hat, macht Geld den Menschen erst dann glücklich, wenn er erkennbar mehr als andere hat. Ansonsten soll Geld in der modernen Vergleichs- und Neidgesellschaft sogar unglücklich machen. Diese Erkenntnis spricht gegen einen Besuch des ligurischen Jet-Set Fischerdorfs mit pittoresk mondänem Naturhafen, wo es einige Glückspilze mit prächtigen Villen, üppigen Gärten und ansehnlichen Booten, also deutlich mehr Geld gibt, als wir je haben werden. In Portofino können wir uns soeben einen Milchkaffee unter den weißen Sonnenschirmen der zentralen Piazzetta leisten. Er wird hier zum ähnlich phantastischen Tarif wie auf dem Markusplatz von Venedig, allerdings ohne Stehgeiger gereicht. Dafür ist der Blick auf den Hafen mit den fröhlich kleinen bunten Booten ganz schön.  Gemäß einem ungeschriebenen Tourenseglergesetz weht der Wind immer vom Ziel. Wir befinden uns einen Segeltag von Portofino entfernt im Golf von La Spezia. Die Fallböen, die sich aus den Höhen der Cinque Terre über den eigentlich geschützten Ankerplatz von Le Grazie hermachen, künden von einem deftigen Nordwest. Portofino, wo der Autofahrer stündlich mit fünf Euro im Parkhaus geschröpft wird, gibt’s eben auch von See kommend nicht geschenkt. Eigentlich müssten wir in Le Grazie bleiben, den dörflichen Charme des Hafens genießen und abwarten, bis der Wind nachlässt. Wir könnten den beiden rothaarigen Besitzerinnen der Vinothek bei der Beaufsichtigung ihrer Dobermänner zugucken. Wir würden den Popen bei der täglichen Straßenseelsorge beobachten und schmunzeln, wie er sich um die eindeutig dem weltlichen Leben zugewandten Weinhändlerinnen kümmert. Das Leben ist eine Komödie und in Italien wird sie farbenfroh aufgeführt. Der Deutsche dagegen arbeitet, er kämpft auch im Urlaub, wenn es richtiger werden soll. Deshalb legen wir ab und trotzen den unwirtlichen Bedingungen draußen vor Palmaria und der Isola del Tino unter zünftig reduzierten Segeln den Kurs nach portus delphini, wie die alten Römer die felsige Bucht nannten, ab. Vor der Steilküste der Cinque Terre gehen die Wogen hoch. Schaumgekrönte Elefantenrücken rollen uns entgegen. Nach einer Stunde haben wir uns an die Verhältnisse gewöhnt und gelernt, das Boot schonend durch die Buckelpiste zu steuern. Wie eng ist das Spektrum der Verhältnisse von Wind, Wellengang, Küstenformation und Temperatur, wo es sich auf dem Meer nicht bloß schlecht bis recht aushalten, sondern leben lässt. Weiter draußen queren wir die Strömungsgrenze zwischen dem nordwestlich, entgegen dem Uhrzeigersinn durch das ligurische Meer ziehenden und dem vom Wind südöstlich geschobenen Wasser. Wir segeln aus dem grünen, küstennahen Gewässer mit der Farbe einer gekachelten Badeanstalt übergangslos in ein bodenlos dunkles Blau. Ein Spektakel, das wir noch nie gesehen haben und abergläubische Naturen umkehren liesse. Meile für Meile würgen wir das arg auf der Seite gedrückte, stampfende und gelegentlich bis zur Mastspitze bebende Boot im Zickzack Kurs die Küste hoch. Die Sonne wandert und lässt die Terrassen der Cinque Terre in köstlichem Grün leuchten. Der Wald, die Weinberge und das Meer. Die terrakotta-farbenen Würfel der Dörfer kleben wie Bienenwaben an den abschüssigen Hängen, quellen da und dort aus den engen Schluchten hervor. Wir verstehen, warum dieser Küstenstrich einst als uneinnehmbar sicheres Land galt und Piraten die Schlupfwinkel mochten. Eine traditionsreiche Route. Einst schaukelten die Marmorfrachter vom toskanischen Carrara hier nordwärts. Oder die genuesische Seemacht La Superba schickte ein paar Schlachtschiffe zum notorisch widerspenstigen Pisa. Am späten Nachmittag lässt der Nordwestwind locker. Mit ungerefften Segeln spurten wir im letzten Licht auf die Landzunge von Portofino zu. Die Sonne verschwindet hinter den Bäumen. Die kurze Dämmerung des Südens lässt wenig Zeit zur Orientierung. Rechts funkeln bereits die Lichter von Rapallo und Santa Margherita. Portus Delphini. Ein perfekt geschütztes, ostwärts in den Golf von Tigullio geöffnetes Becken, ein schluchtartig enges Versteck. Einst, im Zeitalter der motorlosen, schwerfällig zeitfressenden Frachtsegelei eine willkommene Zuflucht oder gern wahrgenommener Zwischenstopp. Heute ein gediegenes Idyll am Ende des Naturschutzgebiets Monte di Portofino. Hier muss alles bleiben, wie es war. Für den Menschen, den notorischen Veränderer, ein praktisch unhaltbarer Zustand. Portofino gehört zu den wenigen Orten der Welt, wo er gelingt. Der Wind wird unstet, das Meer beruhigt sich. Aus rauschender Fahrt wird sanftes Plätschern. Eine mächtige Kiefer beschirmt das Gemäuer der Burg San Giorgio, wo der englische Konsul Montague Yeats-Brown seinen Tee trank, die Champagner Baronin von Mumm die famose Aussicht nach Rapallo zu Füßen des Apennin-Gebirges genoß.Kerzengerade stehen die Zypressen am Hang, stumme Wächter des subtropischen Gartens. Eine eigenartige, jenseitig schöne Enklave. Klösterliche, gelegentlich von sarazenischen Rabauken, heute dem unermüdlichen Fremdenverkehr besuchte Abgeschiedenheit. Heute Abend herrlich still und fern von dieser Welt, beinahe wie vor hundert Jahren, als das Fischerdorf mit den pastellfarbenen Fassaden und grünen Fensterläden von adligen Riviera-Lebenskünstlern entdeckt wurde. Damals war die Ortschaft auf einem Maultierpfad durch Kiefernwälder und Olivenhaine, oder mit dem Boot zu erreichen. Wir verstauen die Segel, richten das Boot zum Anlegen her und tuckern an „Orion“, einem herrlichen Camper & Nicholson Fahrtenschoner von 1910 vorbei. Er passt zur Reede von Portofino, wie das Splendido Hotel im ehemaligen Klostergebäude über die Bucht. Ist es die abendliche Stille, die bezaubernde Schönheit des Naturhafens oder die Verfassung, in der wir ihn nach einem erlebnisreichen Segeltag erreichen? Portus Delphini. Keine Elefantenrücken mit Schaumkronen, keine knatternden Segel, polternden Umlenkrollen, knirschenden Schotwagen mehr, kein knisternder Mast, kein Reffen, keine bangen Blicke in den Himmel voraus, keine Schläge unter den Bug. Die Sorge um Besatzung und Schiff bleibt zurück. Wir atmen den betäubenden Blütenduft und genießen den Blick nach oben, unter die von Scheinwerfern beleuchteten Blätter. Wir vergessen die Soziologen und ihre Studien über den Zusammenhang von Geld und Glück. Auf das Ristorante Puny und Splendido, die sagenhaften Preise und ganze VIP-Gedöns mit Donatella Versace und Giorgio Armani pfeifen wir. Heute Abend ist Portus Delphini ein römisches Refugium, Enklave der Zufriedenheit, ein vollkommener Naturhafen. Das Wasser plätschert um die Isolotto-Steine, gluckst die Umberto Mole entlang. Die Arche schaukelt sanft. Wir lümmeln uns in die Sitzkuhle des Bootes, plaudern ein wenig mit den Segelfreunden und werden still.

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Die Woche der feinen Unterschiede

Wie die „Les Voiles de Saint-Tropez“ zustande kam und was den Ort alljährlich im Herbst zur 40. Kalenderwoche so sehenswert macht. Von Erdmann Braschos Jedes Jahr Ende September versammelt sich eine feine, vom örtlichen Bonsai-Yacht Club de Pampelonne ausgesuchte Flotte klassischer Segler und moderner Rennyachten in der weiten, tief in die Côte d’ Azur reichenden Bucht zwischen Sainte-Maxime und Saint-Tropez. Wenn die Kapitäne die Glocke auf dem Kirchturm über der kleinen ockerfarbenen Kuppel der Église Paroissiale mitten im Ort erkennen können, drehen sie die Nase ihrer Yachten in den Wind. Flatternd gleiten die Segel an Deck und werden verpackt. Langsam dieselt die Prozession der Nautiquitäten die lange Kaimauer entlang in den alten Hafen des einstigen Korsarennests. Concours des guten Geschmacks Die inoffizielle Weltausstellung klassischer Segelyachten, der concours des guten Geschmacks, hat begonnen. Alles, was alt und edel, authentisch und stilvoll oder schön und schnell segelt, ist zur 40. Kalenderwoche da. Die schönsten Exemplare aus zwei Jahrhunderten Segelsport, bis zu 200 überwiegend klassische Rennyachten drängeln sich im Hafenbecken zu ihrem gediegen gefeierten Saisonabschluß. Dieses Jahr das 17. mal. Monsieur Pierre André de Suffren, Marquis von Saint Tropez, blickt zufrieden vom marmornen Sockel neben dem Hotel „Sube“ und der Bar „Le Gorille“ aufs Hafenbecken. Der wohlgenährte kupferne Landeshauptmann hat sein Horn (oder ist es ein Fernrohr?) abgesetzt. Die Barbarei des Sommers ist in die Flucht geschlagen. Seine Freunde, die Liebhaber des Meeres und ihre Schiffe sind angekommen. Der alte Marquis ist zufrieden. Jetzt dient der Vieux Port von Saint Tropez ausnahmsweise nicht als Kontakthof der Neureichen und Goldkettchen-behangener Ahdabeis, fungiert die Arena zwischen den pastellfarbenen Fassaden des seit circa hundert Jahren totgesagten Lebenskünstlerdorfs nicht mehr als Szenetreff ludig übermotorisierter Powerboote, die mit grollenden Motoren unter der Liegewiese für gelenkige Mädchen losröhren und – Wumm Brumm – den Putz von den Häusern ringsum bröckeln lassen. Wie lange hat der alte Bailli diesen Sommer wieder Badelatschen, helle Socken, Pommes Frites, Sonnenöl und Camcorder ertragen und benebelt vom Hautgout plebejischer Kurzweil auf diesem Augenblick gewartet? Jetzt wo die Côte abkühlt und die Tage kürzer werden, ist seine Heimat beinah so schön, wie einst, als die Pointillisten hier festmachten und zum Pinsel griffen.Saint Tropez, immer noch die schönste Kurtisane des Ta-ges- und Gucktourismus am Mittelmeer, räkelt sich im herrlich weichen Herbstlicht der Provence und ist bereit für die letzten Gäste der Saison: Lautlos gleiten die endlos langen Leiber der großen alten Damen des Yachtsports, wie die J-Klasse Renner „Astra“ oder „Candida“ in die spiegelglatte Wasser-fläche des Hafens, kommen zum Stehen und versuchen unter endlos langer Takelage mit schnaubenden Hilfsmotoren zu drehen. Schwimmende Skulpturen und Botschafterinnen eines vergangenen Zeitalters. Anno ‘28 bei Camper und Nicholson im südenglischen Gosport, dem Hauslieferanten des segelnden Königreichs, gebaut, gehören sie jetzt in diese Arena wie Earl Greys Tee ins Commonwealth. Sofern sie nicht restauriert werden oder den Eigner wechseln. Ihr Natio-nalitätenzeichen „K“ steht schlicht für Kingdom. Das „J“ im Segel markiert die Bootsklasse der Könige. Bürgerliche Em-porkömmlinge namens Vanderbilt, Sopwith, der Teebaron Sir Thomas Lipton oder der einstige Woolworth Boß W. E. Ste-phenson schmissen einst ein Vermögen ins Wasser, um mit dem Betrieb solch 160 Tonnen schwerer Segelsaurier gleich-zuziehen. Mit diesen 40 Meter langen Segelmaschinen feier-te die herrschende Klasse damals ihr fin-de-siècle. An der Côte findet die Party bis heute statt. Der alte Marquis findet das in Ordnung. Ob von den elegant vor’s Kai ragenden Hecks der weßen Zweimaster „Altaïr“, „Puritan“ und „Orion“, dieses Jahr wieder die armdicken Trossen zum Vertäuen aufs Quai Suffren geworfen werden? Sie wurden einst nach dem Vorbild der neufundländischen Grand Banks Fischerboote bloß fürs Pläsier gebaut. Wird „avvocato“ Giovanni Agnellis einstiges Liebhaberstück, der schnörkellos schlichte schwedische Mahagonirenner mit dem geheimnisvollen Mädchennamen „Agneta“ unter rostroten Segeln wieder mit Baron Edmond de Rothschilds alter „Gitana“ oder Erroll Flynns früherem Wasserspielzeug „Karenita“ durch den Golf pflügen? Wird die Siegerin der Segelwoche ‘93, der liebevoll instandgesetzte Gaffelkutter „Tuiga“ wieder mit einer Horde monegassischer Lustschiffer unter einer Wolke beige patinierter Segel um die Bojen brettern, wie Schumi daheim die engen Kurven des Königreichs nimmt? Ob der französische Segelstar Eric Tabarly sein in Kürze hundert Jahre altes Erbstück, den charmanten schwarzen Segelkutter „Pen Duick“ nochmals an der langen Ruderpinne hockend vor der eigentlich schnelleren Konkurrenz als erster um das Seezeichen über der Nioulargue Untiefe steuern wird? Dieser Untiefe draußen im Golf verdankt die piekfeine Segelwoche ihren Namen. Und wird der Hamburger Peter König mit seinem Miniklassiker, seiner keine sechs Meter messenden „Hansajolle“ heuer das fünfte Mal vor die Mole pütschern? Der alte segelnde Tausendsassa Henry Rasmussen dachte sich das Boot mit dem Malteserkreuz im Segel Anno ‘48 aus, damit die Handwerker seiner legendären Holzbootswerft A&R in Bremen-Lemwerder nicht vergessen, wie man gute Holzschiffe tischlert. Niemand, außer Patrice de Colmont, hier „bon homme de Pampelonne“ genannt, weiß es. Er hat das VIP-Geschwätz gefressen. Namen sind Schall und Rauch. Eigner kommen und gehen. Sie erben, prosperieren und – sterben. Die Schiffe bleiben, werden bewahrt und weiter gereicht wie ein geliebtes, seltenes Musikinstrument. Ihre Namen auch. Kein vernunftbegabter Mensch tauft sein Schiff um. Es brächte Unglück. Und sind die geheimnisvoll schlichten, gelegentlich ein wenig preziösen Namen nicht verschlüsselte Botschaften aus einer verlorenen Zeit, denen es nachzuspüren gilt? Suchen die meisten Menschen mit dem Erhalt einer zeitlos schönen Antiquität nicht die Illusion, die Uhr an-zuhalten, sie gar zurück zu drehen – Würde und Ruhm, eine legendäre Yacht eine Weile zu besitzen? Liebhaber, wie der Schweizer Geschäftsmann Albert Obrist stecken ein Vermögen in die unglaubliche Verwandlung muffig rotten Gebälks in einen mit restauratorischer Akribie wiederhergestellten Klassiker, um sich das fertige Schiff im Schatten der Markise eines gegenüber, in geeignetem Abstand liegenden Bistro bei einem café créme einfach nur anzuschauen. Sie lieben das Detail, die oben halbrund über die Reling ragenden Fensterscheiben im viktorianischen Stil. Ihr Glück ist der Blick auf das ziemlich große Ganze, ihr Schiff. Augenmenschen wie Obrist genießen die Spannung der dezent zwischen Bug und Heck geschwungenen Deckskante, können sich nicht satt sehen an den Proportionen der geneigten, warm im Sonnenlicht schimmernden Deckshäuser. Ihre Blicke fahren die kühn geneigte Takelage, die Geometrie der Bäume, Gaffeln, Masten und Stengen hinauf und hinunter. Die Magie der golden in die Bordwand eingeschriebenen Ziergöhl und des stilisierten Drachenkopfs – das Markenzeichen der schottischen Yachtbaudynastie Fife of Fairlie – wirkt bis heute. Welches wurmstichige Wrack werden sie als nächstes aus dem Modder des Vergessens ziehen? Klassische Yachten sind eine Droge. Sie läßt grundsolide Männer über ihre Verhältnisse leben und gibt zerrütteten Ehen den Rest. Die Passion ihrer Eigner treibt manch großes Unternehmen in gefährliches Fahrwasser. Die letzte große Liebe des Mo-dezaren Maurizio Gucci war der 65 Meter messende schwarze Dreimastschoner „Creole“. Oder war es der kleine knuffige Kutter „Avel“, den Gucci eigens zur Nioulargue herrichten ließ? Die erste Oktoberwoche ist ein großes Fest für alle Liebhaber schöner Schiffe, egal ob als Eigner oder zum Staunen, als Besitzer oder Zuschauer gekommen. Die Segelwoche zeigt die Sonnenseiten des Kapitals: am schönsten gegen Nachmittag, wenn das Licht über die Höhen bei Grimaud gewandert ist und die pastellfarbene Arena der alten Häuser ausleuchtet wie für einen ausgelassenen Film, bei dem alle aufgeregt durchs Bild laufen. Herrlich, jetzt im Senequier oder Cafe de Paris seinen Pastis zu schlürfen. Oder draußen auf den großen warmen Steinklötzen der Mole hockend einfach nur den Zieldurchgang zu verfolgen. Den Logenplatz auf manche, weit in die Baie de Cannebiers durch azurene Meer pflügende Yacht bietet das Gemäuer der Zitadelle über der Stadt. Wenn das einstige Korsarennest im letzten Sonnenlicht zu glühen beginnt, die Schiffe nach und nach zurück kehren von ihrer herbstlichen Fête de la mer, ist Saint Tropez nicht mehr von dieser Welt. Der Ernst des Lebens, Arbeit, Hausse und Baisse der Börse, die Sorgen des Festlands sind irgendwo hinter der ersten zackigen Kette der französischen Seealpen verschwunden. So beschließen hunderte von Seglern den Abschluß ihrer Segelwoche mit einer hemmungslosen Wasserschlacht, die manches Abiturfest blaß aussehen läßt. Pralle, wassergefüllt durch die Luft wabbelnde Luftballons eiern in kühnen ballistischen Kurven über den Vieux Port, fliegen von Yacht zu Yacht – und zerplatzen über den fröhlich zurückwinkenden Heimkehrern. Kein Auge, Bootsdeck und T-Shirt bleibt zum Abschluß des letzten Segeltags trocken. La Nioulargue ist vor allem eine Überrraschung. Selbst wenn sie nicht stattfindet, passiert sie. Die Segler lassen sich ihr Fest nicht nehmen. Als der riesige nachtblaue Zweimaster „Mariette“ im Eifer des Gefechts versehentlich die kleine offene Rennyacht „Taos Brett“ Anfang Oktober ‘95 versenkte, wurde der Kasus ausgerechnet während der Segelwoche ‘96 verhandelt. Die Regatta fiel aus. Dennoch kamen 160 Yachten und segelten inoffiziell. Der dicke kupferne Marquis mit dem Standbein hinten unter dem Mantel und dem Spielbein vorn, lächelte mild über’s Quai Suffren. Die Segelwoche ist nicht so gewollt wie ein Konvent der Ferraristi. Sie ist so selbstverständlich, wie ein vollendet bourgeioses französisches Abendessen, wo niemand an die Rechnung denkt. Es hat viele Gänge und ist Teil einer offen-sichtlich glückenden Lebensart. Vielleicht kommen deshalb die Deutschen so gern hierher, soweit sie überhaupt von der „Niou-was?“ gehört haben. Vor Jahren kreuzte die frisch restaurierte „Ashanti“ der bremischen Burmester Werft hier auf. Jetzt will ein norddeutscher Reeder und mit einigen Wassern gewaschener Regattasegler mit steuerlich vorteilhaftem Zweckwohnsitz Zypern an Bord seiner dunkelblauen „Happy Four“ hier debütieren. Veranstaltungen dieses Zuschnitts nobilitieren den Ort und ihre Besucher und machen aus ihm wieder einen Fixpunkt der gehobenen Geselligkeit a la Bayreuth, Salzburg oder Wien. Wer ko, der ko. Wer nicht ko, kommt trotzdem. Zum zugucken, wie andere Können. So gesehen ist Saint Tropez Anfang Oktober der schönste Ort zum neidlosen Dabeisein. Während die Eigner sich mit ihrer Familie, im Kreis von Freunden und Geschäftspartnern an einen der längst vorab reservierten Tische in den ausgebuchten Restaurants des Orts wohl sein lassen, mit geeignetem Werkzeug dem aufgetischten Meergetier zuleibe rücken um den Inhalt entspannt parlierend  – santé – mit einem Schluck Dom Perignon runterspülen, füllen sich die Kaimauern rings dem sanft glucksenden Vieux Port Abends mit Schaulustigen und Yachtcrews, dem Troß der Freunde und Verwandten. Abseits, am Quai G. Peri und an den Stegen, wo sonst die Ausflugsboote losfahren, sind die modernen Rennyachten zu Dutzenden vertäut. Unter normalen Umständen würde jede dieser perfektionierten Sportgeräte einen Menschenauflauf auslösen. In der ersten Oktoberwoche gehen die sogenannten Zwölfer der einstigen America’s Cup Klasse schlichtweg unter. Auch die 25 Meter messenden Big Boats der bulligen Maxi-Klasse, bis vor Kurzem noch der letzte Schrei auf den Regattabahnen, nehmen sich neben den großen Traditionsyachten aus wie ein Heimtrainer neben einem stattlichen Duesenberg-Coupé. Die Ehrenplätze gehören „Pride“ und „Ikra“. Das vergleichsweise kurze schwarze Dickschiff des Amerikaners Richard Jayson vom Typ „Swan 44“ und der schlanke lange schneeweiße Renner des Franzosen Jean Lorrain liegen dort, wo man sich in Saint Tropez trifft, trennt oder verabredet: Vor dem „Senequier“, wo die rue Victor Laugier am Hafen endet. Die beiden Yachten verschwinden zwischen den wuchtigen Nachbarn. Fast könnten sie als Beiboote die Bordwand von klassischen Wuchtbrummen wie „Shenandoah“ hochgehieft werden. Mit diesen ungleichen Teilnehmern begann die Segelwoche bei einem Grillfest am Strand vom Pampelonne. Bald dirigierte Herbert von Karajan seine silberrote „Helisara IV“ mit einem Dutzend Decksarbeitern durch den Golf. Die Zeiten sindvorbei, wo einfach aus Spaß an der Freud gesegelt wird. Die beliebte Segelwoche professio-nalisiert sich. Zunehmend bekommen die besten Rennsegler der Welt zur Nioulargue das Steuer in die Hand. Mancher Profi bringt seine Segellegionäre zum perfekt orchestrierten vorheißen, rankurbeln und Feintrimm der Segel gleich mit. Das Fortbewegen einer klassischen Yacht ist Hand-, Knochenarbeit. Zu Königin Viktorias und Eduard VII. Zeiten gab es keine Segelwinden. Neben Bizeps braucht es Grips und Erfahrung, wann an welchem Tau zu ziehen ist. Eine moderne Winsch an Bord einer historischen Yacht wäre ein Fauxpas. In puncto Handhabung sind Klassiker Galeerenschiffe für Freiwillige. Sie stehen Schlange. Dann leert sich der Hafen. Bars, Boutiquen und Restaurants schließen für den Winter. Die Rolläden krachen auf die Simse und die letzte Yacht tobt bei frischem Wind in die Weite des Mittelmeers davon. Jetzt, wo niemand ihn beachtet, hält es der alte kupferne Haudegen nicht mehr aus. Der Patron der Nioulargue lupft sein Fernrohr (oder ist es ein Horn?), sieht sich das herrliche Schauspiel draußen vor der Mole an und nickt zufrieden.

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Der Zöllner von Malta

Über das unterschätzte Privileg, Tag und Nacht eine längere Strecke an Bord über das Meer zu reisen. Von Erdmann Braschos Misstrauisch blättert der Beamte in Schiffspapieren und Pässen, fragt nach woher und wohin. Auf Malta, der kleinen Inselrepublik zwischen Libyen und Sizilien, ist er bei drei Männern mittleren Alters als Besatzung eines Segelbootes skeptisch. Er blättert, durchforstet die Pässe, grübelt. Nach einigen Tagen auf See bei abschließend deftigen Bedingungen warten wir auf die Stempel, wollen duschen, Schlaf nachholen und mal wieder was Gescheiteres als selbst gemurkstes essen. Wir würden gern Valletta angucken, vom melancholischen Charme der Inselrepublik kosten, die melodiöse Sprache hören, den Malteserinnen beim Shoppen, Kaffee trinken und SMS verschicken zugucken. Na, was Seebären mittleren Alters halt beim Landgang so machen. Dann meint der Zöllner, die Reihenfolge erinnere ich nicht mehr genau, „no woman, no alcohol, no drugs“ und schüttelt den Kopf. „Warum machen Sie es?“ Na, ein Beamter mit Humor. Einer, der im Pass blätternd das übliche „Hamburg, Reeperbahn, haha“ auslässt und mich auch nicht in ein Gespräch über Fußball verwickeln möchte. „Wissen Sie, es ist ziemlich schön da draußen.“ Ah, und was? „Es kann so ruhig sein auf dem Meer. Man macht Frieden mit sich. Ich verzeihe den Blöden, lächele über die Fiesen und wissen Sie, was das Beste ist?“ Der Zöllner guckt skeptisch. Er weiß es nicht. “Wenn Sie nachts Wache und für Stunden einen phantastischen Sternenhimmel über sich haben.“ Er runzelt die Stirn. Dafür brauche man doch kein „expensive boat.“ Wenn er den Himmel sehen wolle, gehe er vor die Tür und gucke nach oben. „Da haben Sie Recht. Leider ist in Deutschland ringsum immer irgendwo das Licht an.“ Dann möchte ich vom Zöllner wissen, wann er zuletzt hier auf Malta abends einfach mal vor die Tür gegangen ist und über sich geguckt hat. Er weiß es nicht.

Der Wahnsinnswind

Tiefblauer Himmel, kristallklare Luft, gnadenloser Sturm. Mistral herrscht in der Provence. Die Tiere verdrücken sich, Menschen werden kirre und so mancher Fensterladen fliegt davon. Nach drei, sechs oder neun Tagen ist der Spuk aber vorbei. Zum Abschluß einer Seereise ankern wir draußen vor dem Vieux Port. Sanft vom stetigen Westwind bewegt murmelt der Golf von Saint-Tropez um den Bug des Bootes. Die Sonne verabschiedet sich mit einem farbenfrohen Spektakel hinter der gezackten Kette der Seealpen. Leuchtend lugt die ockerfarbene Kuppel der Église Paroissiale über die bunten Schindeln des Lebenskünstlerdorfs. Nachts wölbt sich der Himmel phänomenal über den letzten Wolken ausgefranster Zirren. Höchste Zeit, einen geschützten Platz im sicheren Hafen zu finden. Entsprechend hart werden die Verhandlungen mit dem Capitaine du Port geführt. Wie vor einer Katastrophe ist sich jeder selbst am nächsten. Der hier anzutreffende prototypische Pariser Rechtsanwalt ganz besonders. Keinesfalls werden wir das Boot wie verlangt quer zum Wind an der Hafeneinfahrt vertäuen. Wir entdecken einen Unterschlupf zwischen großen Motoryachten, bringen dicke Festmacherleinen in die erwartete Windrichtung aus. Dann kommt er, der Boß der mittelmeerischen Stürme. Mit brachialer Wucht fegt er von Port Grimaud heran. Eine furchtbare, anhaltende Böenwalze. Der idyllische Ankerplatz der vergangenen Nacht, der Logenplatz vor Saint Tropez ist eine schäumende Wasserwüste. Der Mistral läßt die Masten im Hafen dröhnen. Zwar sind wir im Hafen sicher, haben aber dennoch Angst. Angst vor der Urgewalt dieses entsetzlichen Sturms. An jeder Küste wachsen die Bäume vom Meer abgewandt. Weil der Wind von dort kommt. Jetzt verstehen wir, warum sich im Süden Frankreichs das Gehölz dem Meer entgegen beugt. Es verneigt, duckt sich vor dem Wind, den die Einheimischen „Maestrale“ nennen, und das bedeutet „Herrscher“ oder Meister“.  Ein Sturm mit vielen Namen Der Boss der Winde dominiert nicht allein Vegetation und Leben der Provence, sondern bis Korsika und Sardinen, zur afrikanischen Küste, sogar weit in die Straße von Sizilien hinein. „Majjistral“ nennen ihn zum Beispiel die Malteser. Wenn er weht, heißt es abwarten, ihn ertragen. Die Bauern und Bäuerinnen der Provence freuen sich, dass ihre alten Häuser mit der schmalen fensterlosen Stirnseite zum Maestrale windschlüpfrig gebaut sind. Den besonders starken Mistral nennen sie „Aurasso“, den kalten „Cisampo“. Mit dem ärgsten aller mediterranen Winde ist nicht zu spaßen. Wie ein ungebetener Gast ist er plötzlich da und bleibt, schlimmer noch, lange. Einer alten, nicht ganz richtigen Bauernregel zufolge weht er drei, sechs oder neun Tage. Er bläst mit unverminderter Kraft bei einem wolkenlos tiefblauen Himmel und ausgezeichneter Sicht. Nachts sieht man die Sterne, wo sonst Dunst und Diesigkeit alles dämmen und dimmen, mit dramatischer Prägnanz funkeln.  Der Mistral kündigt sich mit einem plötzlichen Gefühl von Niedergeschlagenheit an. Ist er dann da, beschert er wetterfühligen Zeitgenoss:innen Kopfschmerz und erhöhte Reizbarkeit. Die napoleonische Justiz gestand einem Mörder mildernde Umstände zu, wenn der Mistral drei Tage lang vor der Tat geweht hatte. Das ersparte ihm die Todesstrafe. Wer je eine vom Boss der Winde durchgepustete Ortschaft der Provence mit klappernden Fensterläden erkundete, die Tristesse der leer gefegten Gassen und das Dröhnen des Windes erlebte, versteht diese Regelung. Die Einheimischen nennen ihn auch „vent du fada“, den verrückt machenden Wind. Hundert Tage im Jahr weht er, im Winter und Frühjahr am heftigsten. Bis zu 320 Stundenkilometer Wind Natürlich hat er auch seine guten Seiten. Es gibt Herbstwochen, da erwarten die Winzer ihn sehnsüchtig angesichts einer nassen Weinlese. Wie ein mächtiger Föhn trocknet der Mistral dann Tau und Regentropfen, verhindert Fäulnis und pustet Schädlinge weg. So hat der Mistral schon manchen Weinjahrgang gerettet. Und im Sommer bringt er willkommene Abkühlung. Wie der italienische Tramontana oder die adriatische Bora zählt er zu den katabatischen, aus großen Höhen fallenden Winden. Das senkt die Temperatur im Sommer angenehm um zehn Grad. Er lüftet die Provence, weht die Ausdünstungen des industrialisierten und dicht besiedelten Rhônetals fort. Leider entfacht er manches kleine Feuer des hochsommerlich ausgedörrten Landes zu Waldbränden und treibt gefürchtete Feuerwalzen vor sich her. Für Friedrich Nietzsche war der Mistral Freund und Weggefährte des anarchisch-wahren Lebens: „Brausender, wie lieb ich dich! Sind wir zwei nicht Eines Schoßes Erstlingsgabe?“, begeisterte er sich im Lied „An den Mistral“ für den ungestümen Gesellen. Weniger fasziniert sind Bergwandernde und Radler:innen. Sie fluchen, wenn er sich ihnen am Mont Ventoux zusätzlich zur Steigung entgegenstemmt. Bei Mistral macht Ventosus, der Umtoste, seinem Namen alle Ehre. Der Lohn kann jedoch unvergesslich sein: Wer den Weg schafft und vom „Dach der Provence“ noch einen Blick für die Umgebung hat, sieht bis zum fernen Korsika. Im Jahre 1967 wurden auf dem Mont Ventoux Windgeschwindigkeiten von 320 Stundenkilometern gemessen. Segelflieger im Himmel So viel Wind brauchen die Segelflieger:innen natürlich nicht. Ein handfester Nordwestwind reicht ihnen im Frühjahr und Herbst. Die Seealpen, speziell die in Ost-West-Richtung verlaufenden Berge beim Durance-Tal, sind ihr Dorado. Die quer und hintereinander zum Wind liegenden Hügelketten schaffen ein Wellensystem, das sich mit zunehmender Höhe und Windgeschwindigkeit aufschaukelt und die Segelflieger in fahrstuhlartigen Aufwinden phantastische Höhen bis 9.000 Meter erreichen lässt. Einzig der für den Linienflug reservierte Luftraum limitiert die hier möglichen Höhenflüge. Segelflieger aus ganz Europa zieht es in die Provence. Sie sind geradezu süchtig nach Wellenflug über den französischen Seealpen und suchen den Mistral im blauen Himmel, wenn er am Boden kaum zu spüren ist. Piloten, die noch nicht oben sind, stolpern als Hans-Guck-in-die-Luft durch die Wiesen von Fayence und beobachten die bereits gestarteten Kollegen. Windsurfen an der Rhônemündung Einen ganz anderen Fanclub hat der Mistral an der flachen Rhônemündung, in der Camargue. Der Kanal von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer ist seit den achtziger Jahren Rennstrecke für rekordsüchtige Windsurfer. 1993 bretterte der Franzose Thierry Bielak mit 45,34 Knoten (83,97 km/h) auf einem 500 Meter langen Abschnitt der Wasserstraße. Seitdem nehmen hier Spitzensurfer für immer neue Anläufe die Gabelbäume in die Hand. Der Mistral kann ihnen nicht heftig genug wehen. Bei weniger als 8 Beaufort, beginnender Sturmstärke also, verlassen die Athleten erst gar nicht ihr Wohnmobil. Im April 2005 fegte der Ire Finian Maynard bei Wahnsinnswind mit 48,7 Knoten durch die Camargue, 90,2 km/h. So viel Seitenwind hassen die Autofahrer auf der berüchtigten A9 zwischen Orange und Perpignan. Der Mistral zerrt an Wohnmobilen, lässt Busse und Lieferwagen schwanken und hat schon manchen Caravan aufs Kreuz gelegt. Mit dem Boss der Winde ist nicht zu spaßen. Den Golf von Lion verwandelt er in eine schäumende, tobende, sich überschlagende Flut. Er wühlt das Meer mit kurzen, steil brechenden Wogen auf, macht Schifffahrt und Segler:innen schwer zu schaffen. Sturmböen von zehn Windstärken sind auch im Sommer üblich. Dann wird der Golf zu einem der gefährlichsten der Meere der Erde. Wie sich Mistral ankündigt Immerhin, ganz unerwartet kommt er nicht. Für Mistral gibt es prototypische Voraussetzungen: ein von der Biskaya ankommendes Hoch und ein Tief über dem Golf von Genua. Diese Wetterlage verlangt nach Druckausgleich zwischen Nord und Süd. Dann liegt der Mistral in der Luft. Rosafarbener Sonnenuntergang mit Zirruswolken kündigt ihn an, am nächsten Tag ist er da. Der Druckausgleich beginnt harmlos. Aus großer Höhe gesehen liegt ein riesiger Violinschlüssel über Zentralfrankreich mit einer im Uhrzeigersinn aus dem Hoch wehenden Brise, beschleunigt zum gefürchteten Wahnsinnswind je nach Lage zwischen den Westalpen und den Tausendern der Monts du Beaujolais, des Vivarais und der Cevennen. Oder er weht westlicher durch das Garonnetal zwischen Massif Central und Pyrenäen und fegt mit ganzer Wucht aufs Mittelmeer hinaus, dem ligurischen Tief entgegen, das er gegen den Uhrzeigersinn füllt. Die Provence ist gelüftet Doch irgendwann ist der Spuk mal vorbei, verliert die Bö an Kraft. Das Dröhnen im Hafen von Saint-Tropez nimmt ab, der Golf beruhigt sich. Der Boss der Winde hat klar gemacht, wer bei allem Savoir-vivre, Lavendelduft und lieblichen Farben das Regiment führt. Die Provence ist gelüftet, geputzt und die allgegenwärtigen Plastiktüten und -flaschen sind egalitär neu verteilt. Die Fensterläden werden wieder aufgeklappt, die Markisen ausgerollt, Sonnenschirme gerichtet, Stühle und Tische zurechtgerückt. Emsig wird die bourgeoise, geschäftliche Ordnung nach dem Interregnum der Anarchie wiederhergestellt. Wir nehmen draußen in der Sonne Platz und trinken etwas. Welche kostbar friedlichen Stunden nach einem entsetzlichen, laut ausgetragenen Streit. Der Kopf wird klar. Die Atmosphäre entspannt sich. Wir sind es auch und sehen die Welt im Süden Frankreichs neu.

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St. Kilda

Die Bewohner von St. Kilda fühlten sich wie im Paradies. Sie lebten fernab der Zivilisation in einer idealen Gesellschaft. Dabei waren die sturmzerzausten Inseln im Atlantik wahrlich kein Schlaraffenland. Mitten in Edinburgh, an der Ecke Charlotte Square und Young Street, im muffigen Tiefparterre des National Trust for Scotland, steht eine kleine, schwarze Blechbox des Earl of Dumfries. Zwei abgegriffene Exemplare der Heiligen Schrift auf Gälisch liegen darin, Briefe, Tagebücher und eine abgeschnittene Vogelkralle. Das ist alles, was von der Haushaltsauflösung einer ganzen Insel übrig geblieben ist. Viel mehr hatte der Earl of Dumfries, der letzte Eigentümer des Archipels, nicht in den Händen, als er die Inseln der schottischen Nationalstiftung vermachte. Die meisten Bewohner sind tot. Gestorben im Exil, in das sie 1930 gehen mussten. Dass die Inselgruppe draußen im Atlantik, 110 Meilen vom Festland entfernt, überhaupt Heimstatt für Menschen sein kann, wollte lange Zeit niemand so recht glauben. Waren doch schon die schottischen Highlands ein nasskaltes Armenhaus, die Lebensbedingungen im feuchten, vom Wind zerzausten Norden hart. An der Nordwestküste der Britischen Insel zerfranste die zivilisierte Welt, kapitulierte sie vor der Natur. Dort begann das unberechenbare Meer, das Reich der Stürme. Ausgerechnet dort draußen, auf den Steinen am umtosten Horizont, auf den Inseln Hirta, Soay und Boreray, sollten Menschen leben? Barfuß im Regen Schilderungen Schiffbrüchiger nährten die Vorstellung vom eigenartigen Leben auf dem Archipel. Ohne jedes Einkommen würden die Leute dort hausen. Auf der einzig bewohnten, der baumlosen Insel Hirta fänden sie ohne Boote, ohne Fischfang ihr Auskommen. Das Rad sei ihnen nicht bekannt. Leder und Glas hätten sie auch nicht. Auszug aus Mare Heft 31

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Der Wald, die Reben und das Meer

An einem schmalen Streifen der Steilküste Liguriens kleben fünf Dörfer, die Cinque Terre, im Fels. Derart schön, dass alle mal kommen, gucken, Sardellen futtern und am liebsten dableiben würden. Die Sonne glitzert auf dem trägen Gewoge des ligurischen Meeres. Kaum von einer thermischen Brise geschuppt, hält es noch seinen Mittagsschlaf. Links der Gleise eine Ortschaft, rechts etwas Strand. Durchgeschüttelt von einigen Stunden Bahnfahrt verlassen wir den Waggon. Monterosso al Mare. Am Meer, wo sonst könnten wir mit dem Mensch sein beginnen? Verreisen ist Wahnsinn. Nur daheimbleiben wäre schlimmer. Ab und zu muß der Mensch mal richtig weit weg. Städte, das hügelige Zwiebelturmland und Flüsse queren, in nachtschwarzen Tunneln und dämmrigen Galerien durch Alpen und Apenninen rasen und im nördlichsten Ort der legendär hübschen Cinque Terre, der fünf entlegenen Dörfer Liguriens aussteigen. Ein Gebirgsbach, der durch den Sand rinnt. Fischerkähne, die Sonne. Akazien, Mimosen, Pinien, eine Palme – prima. Betagtes Gemäuer, eine katholische Kirche. Monterosso al Mare. Gibt es einen geeigneteren Ort, den Mumpitz eines Alltags, den wir uns durchaus anders vorstellen können, hinter uns zu lassen? Eine Albergo findet sich. Wir haben eine wichtige Verabredung. Eine Verabredung mit uns. Wir reden nicht bloß davon, „wie schön es wäre, hier mal zwei Tage zu bleiben.“ Wir bleiben. Zwei Tage. Warten einfach ab, bis der Kopf, der notorische Nachzügler allzu schneller Auto-, Bahn- oder Flugreisen, eingetroffen ist. Die 12 Kilometer lange Via Lungomare verbindet die berühmten fünf Dörfer der Steilküste Liguriens: Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore. Der italienische Alpenverein bezeichnet die Route, einen der schönsten Wanderwege der Welt, schlicht als Nummer zwei. Zu früher Morgenstunde, wo der normal menschliche Phlegmatiker noch schlummert, folgen wir den Stufen aus grobem Gemäuer durch hüft- bis schulterhohe Weinstöcke. Der Weg ist ziemlich eindeutig, mit reichlich Farbe in rot und weiß markiert. Das ist nett vom italienischen Al­penverein, denn wer kann so früh am morgen schon drei Sachen gleichzeitig tun, gehen, Karte gucken und denken? Die Hähne legen sich lärmend ins Zeug, die erste Bahn der Strecke Genua – La Spezia rauscht übers Viadukt und ver­schwindet im Tunnelschlund. „Eine felsige, strenge Landschaft, die in ihrer Wildheit an Kalabrien erinnert, Zuflucht für Fischer und Bauern, die sich an ein Fleckchen Strand klammern – bloßgelegter und fei­erlicher Rahmen für eine der ursprünglichsten Gegenden in ganz Italien … wenige Dörfer oder Weiler, die sich zwi­schen Fels und Meer zwängen,“ faßt der italienische Dich­ter Eugenio Montale den Reiz der Gegend in den zwanziger Jahren zusammen. Besonders gut hat er sich mit den Ein­geborenen nicht verstanden, doch sind schreibende Men­schen dazu da? Dem Leben zugucken und sich fraternisie­ren sind zwei verschiedene Beschäftigungen, welche nicht immer von einer Person beherrscht werden. Außerdem sind die Ligurier stolze, dem Fremden eher skeptisch denn aufgeschlossen gegenübertretende Leute. Ein bisschen provinziell. Das mögen wir weniger, doch verständlich ist es durchaus. Denn die Provinz ist derart schön, daß alle mal kommen, gucken, Sardellen futtern und am liebsten da­bleiben würden. Überhaupt, die Sardellen. Heute gibt es ja überall alles. Sushi in Soho, Pesto in Pellworm oder Scholle in Schlan­genbad. Die Sardellen ißt man übrigens wie die Schollen am besten dort, wo sie herkommen. Einst waren die Sardellen kleine Fische für kleine Leute. Weil die Fischer von Monterosso oft schlauer waren als ihre Beute, brachten sie meistens gut gefüllte Netze von der Punta Mesco mit. Denn vom Weinbau allein und dem bißchen Landwirtschaft wurden sie nicht satt. Im Mai und Juni ißt man die kleinen Fische mit dem festen Fleisch frisch mit Ölivenöl und dem Saft der ebenfalls legendären Zitronen von Monterosso – verfeinert mit Oregano, Knoblauch und Petersilie, später mariniert oder gebraten. Wie überall auf der Welt haben abgekochte Marketingstrategen in der cucina aus der Not­lösung für arme Schlucker einen derartigen Kult gemacht, daß man für die klitzekleinen Fische mit dem festen Fleisch und ein, zwei Fläschchen hiesigen Bianco manchen Euro opfert. Wer geneigt ist, sich darüber aufzuregen, speist an­ders oder bleibt zuhause. Wir verzichten auf’s Dessert und begeben uns zivil zeitig in die Albergo, denn die spektakulär schöne Via Lungomare wird am besten ausgeschlafen und mit sicherem Tritt begonnen. Ziemlich lange schon siedeln Menschen zunächst weit oben auf den unwegsamen Hängen des bei den Inseln Palmaria, endgültig den Eilanden Tino und Tinetto im Meer verschwindenden Bergrückens, später gehen sie hinab ans Wasser. Bis annähernd achthundert Meter erhebt sich das Gebirge. Die unzugängliche Steilküste bot Schutz vor feindlicher Übernahme, dem barbarischen Zugriff auf Weib und Kind, dem Raub von Hab und Gut. In prekärer Hang­lage lebte man isoliert, zunächst vom Weinbau, später kam der Fischfang hinzu. Ein hartes, einfaches Leben. Zwei Kulturen, zwei Welten an einem kurzen, wenige Kilometer messenden Küstenabschnitt. Heute schützt die Lage der Dörfer in engen Tälern und abschüssigen Hängen vor ganz anderer Barbarei: vor Betonierung, Zersiedlung und der automobilisierten Zerstörung des Idylls – allerorten zu be­sichtigenden Folgen des Fremdenverkehrs. Schwer zu sagen, wer mit der Fron des Weinbaus ent­lang der abschüssigen, nach Südwesten geneigten Hänge begann. Wahrscheinlich erkannten Bauern vor sieben Jahrhunderten den Wert der sonnenverwöhnten, zugleich sicheren Südwesthanglage und verwandelten mit der qua­dratmeterweisen Rodung von Macchia und Wäldern die Hänge in diese einzigartige Kulturlandschaft. Der Boden auf den engen Rebterrassen mußte auf Knien gepflügt werden. Die trocken, ohne Mörtel errichteten Mäuerchen verzögern den Abfluß des Wassers nach heftigen Nieder­schlägen und verhindern Erdrutsche. Würden die unteren Terrassen besonders abschüssiger Lagen vernachlässigt, kann der gesamte darüberliegende Hang abrutschen. Deshalb darf das Natur-Kunstwerk der Cinque Terre nicht aufgegeben, müssen die sogenannten cian, die Rebter­rassen weiter bewirtschaftet werden. Doch welcher junge Italiener hat Lust, sich zwischen die Weinstöcke gebückt in brütender Hitze die Fingernägel schwarz zu schuften? Das ist uncool. Er träumt vielmehr davon, irgendeine komplett stussige Sendung in Mailand zu moderieren, ewig jugend­liche Trends zu „scouten“ oder als Content Manager dürf­tige Inhalte mit virtuellen Bilderwelten und cooler Animation selbstredend online aufzupeppen. Davon läßt sich die täg­lich akkumulierte Gebühr für’s Cellulare löhnen und es gibt dazu noch einen Smart vor die Haustür. Doch der paßt in den Cinque Terre nicht mal hochkant vor die Tür. So wird das Handwerk der Pflege und Wiederherstellung der „muro a secco“ genannten Trockenmauern nach und nach vergessen, bröselt die über Jahrhunderte von Men­schenhand geschaffene Landschaftsarchitektur der Rebter­rassen dahin. Die regionalen Fördergelder zur Sicherung der cian reichen nicht. Der Konsument und durstige Wan­derer könnte es richten, indem er für lokale Weine zahlt, was Winzer für den Cinque Terre Bianco und den typischen Sciacchetrà samt einhergehendem Landschaftsschutz brauchen. Leute: Blöd und billig geht immer, Kultur kostet. War doch schon immer so! Wird auch im 21. Jahrhundert nicht anders. Der Sciacchetrà wird als Passitowein nach dem DOC-Gesetz von 1973 zu 60 Prozent aus Bosco, an­sonsten aus Vermentino oder Albarola Reben gekeltert, wobei die Trauben von dem Pressen zum Trocken in küh­len und gut gelüfteten Gewölben ausgebreitet rosiniert wurden. Obgleich für den Sciacchetrà strenge Vorschriften gelten, mache man sich angesichts unterschiedlicher Anbaube­dingungen auf Überraschungen gefaßt. Die Winzer von Monterosso, Riomaggiore, Tramonti di Bassa, Tramonti di Campiglia und Vernazza pflücken ihre Trauben in weit aus­einanderliegenden, oft gerade mal zimmergroßen Anbau­flächen, teils ganz unten am ligurischen Meer, teils oben am Hang in schwindelnder Höhe. Die ambitionierte Coope­rativa Agricultura Cinque Terre bemüht sich um die Fortset­zung von Handwerk und Kultur des tradierten Weinanbaus. Der Saft der raffiniert rosinierten Reben ist so eigenartig wie der reizvolle Küstenstrich. Als „Wein von aromatischer und komplexer Süße ist er ein Tropfen für Kardinäle und reifere Damen“ beschrieb Paolo Monelli anno 1935 in sei­ner „gastronomischen Reise durch Italien“ mokant die Vor­züge des Erzeugnisses. Zeit für eine Pause im ligurischen Vorzeigedorf Vernazza. Der abschüssige Pfad schlängelt sich oberhalb des Tun­nels der ligurischen Metro durch die Rebterrassen. Unter uns die Stimmen fröhlich am Strand spielender und im Hafenbecken planschender Kinder. Im Schatten der Bäume einige Bänke, dahinter die Piazza zwischen der Kirche am Wasser, pastellfarbenen Häusern, dem Castello Belforte und dem wehrhaft runden Turm auf dem Fels. Ein Idyll, bei­nahe nicht mehr von dieser Welt. Der Blick auf Vernazza gehört neben dem Postkartenmotiv Portofinos zu den meistfotografierten Urlaubsbildern des Mittelmeeres. Kaum zu glauben, aber wahr, daß die Germanen sich während der Besetzung der Appeninhalbinsel auf ihre Weise auch um die Cinque Terre, zum Beispiel mit der Einebnung des Turms über Vernazza für eine Flak-Stellung, kümmerten. Eine Focaccia, ein Weißbrot mit Kräutern – meine Favo­riten: Oregano oder Thymian – und aromatischem Olivenöl, dazu ein Wasser. Im Schatten dösend beobachten wir den sprichwörtlich internationalen Trubel. Daß die Orte voller Urlauber sind, ist nicht so schlimm. Leute, die noch zu Fuß gehen, sind meistens in Ordnung. Das Geheimnis der heiteren und guten Athmosphäre in den Cinque Terre ist, daß sie sich für den rast- und besinnungslosen automobi­len Durchreisetourismus, wie er praktisch jedem Ur­laubsziel unserer Tage übel mitspielt, nicht eignen. Es gibt wenige noble Skiorte, wo der Autoverkehr von klugen, wirk­lich an die Zukunft denkenden Menschen konsequent aus­gesperrt und so der Charme bewahrt wurde. Die unweg­same Steilküste und die engen verwinkelten Gassen der Cinque Terre Dörfer regelte das auf natürliche Weise. Das aberwitzige Projekt einer kühn in luftiger Höhe dem Hang mit Brücken und Tunnels abgerungenen Schnellstraße kam auf halber Strecke zum Erliegen. Der Stolz der Wein­bergbesitzer und das sagenhafte Phlegma der landestypi­schen Bürokratie erledigte es. So zuckeln allenfalls früh­morgens und spät am Abend kleine dreirädrige Lieferwa­gen zur Versorgung der Einheimischen, Pensionen, Re­staurants und Geschäfte durch Vernazza. Ansonsten gehört das Nest dem Fußvolk. Überall neugierig junge bis kaum gealterte Leute mit Rucksack und mancher, der sich aus guten Gründen für einige Tage in einem der zahllosen Fremdenzimmer einquartiert. Man läßt die Sonne aufgehen, ein kleines Colazione, greift endlich zum länger bereitge­legten Buch, geht zwischendurch über den flachen Sand­strand des Hafenbeckens baden, dreht eine kleine Runde um die Mole, hat Zeit für sich. Die Protagonisten der Komödie des Lebens sind in die­sem Ort rasch ausgemacht. Sie treten in der unausweichli­chen Enge der von der Bahnstation zum Bonsaihafen samt Piazza führenden Via Roma während unserer ein-, zwei­stündigen Faulenzerei wiederholt zwischen Trattoria und Tabaccherìa auf. Man wird hier unmerklich vernazzt. „Wollen wir nicht zwei Tage bleiben?“ „Nö, sind wir doch erst ge­stern in Monterosso. Außerdem sind wir doch zum Wan­dern gekommen.“ „Hm. Stimmt eigentlich. Okay, noch ein Cappuci.“ Einst wurden hier die Fässer mit dem berühmten Ver­naccia Rebensaft auf die Schiffe gerollt. Seit jeher verding­ten sich die Vernazzaner als Köche, Kellner und Matrosen. Außerdem verstanden sie sich auf einträgliche Schnäpp­chen in Gestalt kühner Kaperfahrten. Zudem waren sie eher den Pisanern als der Großkopfeten aus La Superba zugetan. Mit einer Delegation Knüttel- und Säbelkünstler zeigten die Genueser im 12. Jahrhundert den lästigen Bur­schen, wer zu Füßen der Cinque Terre künftig den Most holt. Als richtige Ligurier haben die Vernazzaner den insu­lanerhaften Stolz darüber natürlich nicht verloren. Heute nutzt er ihnen als Bollwerk vor dem Ansturm des Fremden­verkehrs. Sie ertragen ihn gelassen. Außerdem kommen viele Landsleute. Die Polts stellen ihren Passat nach wie vor in Sichtweite des Strands von Rimini ab. Ein Geheimtip sind die Cinque Terre längst nicht mehr. Der Reiz der verschachtelten Ortschaften zu Füßen der teils felsig schrof­fen, meist herrlich grünen Steilküste hat sich herumge­sprochen. Deshalb verlassen wir für heute die Via Lungomare. Der wassernahe Pfad ist bei Cinque Terre Pil­gern aus der halben Welt einfach arg beliebt. Wer Ruhe sucht muß ausweichen, bergauf gehen und schön tief durchatmen. Es wird steil. Wir passieren den Bahnhof und folgen dem Pflaster durch’s tief eingeschnittene Tal. Letzte Häuser, da und dort plätschert der Bach. Klitzekleine Ge­müsegärten, über uns das saftige Grün der Weinberge, der weiße Wattebausch einer Schönwetterwolke im azurblauen Himmel. Kaum ein Lüftchen geht, es ist warm wie im Ge­wächshaus. Später kurven wir um gelb blühende Wolfs­milchbüsche, genießen die Kühle im Schatten wuchtiger Steineichen und Kastanien. Die Zikaden haben wieder Ge­neralprobe und die Schmetterlinge machen Modenschau. Die aktuellen Farben der siebziger sind angesagt: Rot und orange. Die Häuser von Riomaggiore quillen wie die Vernazzas aus dem engen Tal heraus. Wie Bienenwaben kleben die Behausungen Manarolas am Fels. Atemraubend steile An­stiege über grob geschichtete Treppen, Maultierpfade auf den Höhen. Ein Blick, der uns die Spucke nimmt: auf tief­grüne Weinberge vor stumpfgrünen oder dunkel- bis hell­blauen Wogen, dazwischen das pastellfarbene Gewürfel der Dörfer. Gelegentlich das Gleis eines Tenino, der Zahn­radbahn zur Bewirtschaftung der Weinterrassen. Der Wald, die Reben und das Meer. Wie ein Krähennest thront Corniglia auf einem Felsvor­sprung. Unmerklich geht das matte Blau des Meeres in der Ferne in den hellen mittelmeerischen Dunst über. Es scheint, als stünden die rot bis ockerfarbenen Häuser vor dem Nichts. Am späten Nachmittag erreichen wir die ruhi­gere Ortschaft unter den Cinque Terre. Ob es an den 365 Stufen liegt, die vom Bahnhof der ligurischen Metro hier rauf führen, dass das Nest weniger überlaufen ist? Der Ausguck in hundert Metern Höhe bietet einen herrlichen Blick zurück zur Punta Mesco. In einer Pension findet sich sogar noch eine Bleibe. Das „Risotto alla Cecio“ im Steintopf mit Meeresfrüchten und Kräutern haben wir uns verdient. Außerdem engagieren wir uns heute abend mal gründlich für den hiesigen Weinbau. Die Mondlaterne hängt still über dem nachtblauen ligurischen Meer und irrlichtert silbrig über’s Wasser. Was wollen wir mehr – außer noch einen Tropfen vielleicht, den für Kardinäle und reifere Da­men.

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Kuba: Sozialismus in Farbe

„Es gibt ein paar Dinge aus der Zeit vor der Revolution, die die Amis schon gut gemacht haben“, erklärt Mario, ein farbig junger Kubaner, mit feierlichem Ernst. Er zeigt auf das 25-stöckige Hochhaus. „Das Habana Libre ist großartig. Wir hatten in den vergangenen Jahrzehnten keine Reparaturen, keinen Ärger, nichts.“ Das Hotel wurde während der Revolution fertig, als die konfektionierten Wohnmaschinen der Moderne auch auf der Zuckerinsel errichtet wurden und ein Hilton her mußte. Havanna war damals ein karibischer Vorort von Miami. Wer Geld hatte, flog abends aus dem prüden Florida auf einen verlängerten Drink rüber. Die Hauptstadt der größten Antilleninsel war zu Batistas Zeiten im Wesentlichen ein von der Mafia kontrollierter Puff. Das änderte sich, als Castro in einer Suite im 24. Stock des Hilton die Regierungsgeschäfte übernahm. Seitdem heißt es Habana Libre. Mario sagt „wir“, berichtet von seinem Land. Mario hat in Rostock studiert und freut sich über die Gelegenheit Deutsch zu sprechen. Er zeigt den Pabellón Cuba, einen überdachten, vom Wind durchfächelte Freizeitpark zwischen hohen Betonstelzen. Kinder jeden Alters toben darin herum, veranstalten Wettrennen mit einem selbst gezimmerten Holzroller. Die älteren hocken im Video- oder Computersaal. Viele albern in Gruppen herum. Die allgegenwärtige Musik ist für das Ohr des aus dem fernen Europa angekommenen noch ungewöhnlich, macht das Leben zu einer einzigen Disco. So muß er sein, der Sozialismus. Schön bunt, fröhlich wie ein didaktisch präpariertes Bilderbuch. Coppelia, der kühn betonierte Tribut an die Begeisterung der Kubaner für Eiskrem, sieht aus wie ein zwischen den Palmen niedergegangenes Ufo, eine Arena im Format eines Boxpalastes. „Früher gab es hier 60 verschiedene Eissorten“, berichtet Mario, „doch leben wir heute in einer besonderen Periode. Wir müssen sparen.“ Auszug aus der Titelgeschichte Kuba des Geo-Reisemagazins

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Pionier der Landschaftsfotografie

Die ersten Bilder des Nordens: Eisblöcke und Wasserfälle, die Schönheiten der damals noch unbekannten nordischen Landschaften hielt der Norweger Knud Knudsen auf seinen Fotoplatten fest. Wenn Knud Knudsen Bustetun, der alte Knudsen vom Gehöft Buste durch das westnorwegische Fjordland in die Hauptstadt Bergen zum Einkaufen fuhr, nahm er seinen Sohn mit. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Odda eine Siedlung am äußersten, südlichen Ausläufer des Hardangerfjords zwischen dem tausend Meter hohen Hardangerfjell und dem Gletscher Folgefonn. Von den Kanten des Hochlandes schwappte die Nässe förmlich zu Tal, stoben Wasserfälle in die Tiefe. Heute sind die meisten in den Rohren der Kraftwerke verschwunden, darunter einem der ältesten Norwegens, dem Industriegeschichtlichen Baudenkmal in Tyssedal. In Bergen half der Krämerssohn seinem Vater bei den Besorgungen und nahm Fühlung auf mit der Welt. In der Hansestadt lernte der junge Knudsen Deutsch, machte bald darauf eine Kaufmannslehre und die folgenschwere Bekanntschaft – mit der Fotografie. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts begeisterte sich Europa für die Lichtbildnerei, nachdem der Pariser Maler Louis J. M. Daguerre 1839 respektable Ablichtungen auf seine mit Jodsilber beschichteten Kupferplatten gezaubert hatte. Obwohl der Hardangerfjord auf 60 Grad nördlicher Breite liegt, dem Nordpol so nah wie Anchorage, Helsinki, Petersburg oder Sibirien, gibt es im fast durchgehend taghellen Sommerhalbjahr hier ideale Bedingungen für die Landwirtschaft. Der Golfstrom schiebt das warme Wasser der Karibik quer über den Atlantik vor die norwegische Küste, drückt es in die Fjorde und macht die vom Fjell bewässerten, grünen und geschützten Ufer zu einem allsommerlichen Gewächshaus. Während über das Hochland ein eisiger Wind geht und der Winter die Passage des Fjells erst ab April oder Mai ermöglicht, grünt und blüht an den sonnenbeschienenen Ufern des Fjords, was der Boden hergibt. Auszug aus FAZ Magazin 715