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Der Zöllner von Malta

Misstrauisch blättert der Beamte in Schiffspapieren und Pässen, fragt nach woher und wohin. Auf Malta, der kleinen Inselrepublik zwischen Libyen und Sizilien, ist er bei drei Männern mittleren Alters als Besatzung eines Segelbootes skeptisch. Er blättert, durchforstet die Pässe, grübelt. Nach einigen Tagen auf See bei abschließend deftigen Bedingungen warten wir auf die Stempel, wollen duschen, Schlaf nachholen und mal wieder was Gescheiteres als selbst gemurkstes essen. Wir würden gern Valletta angucken, vom melancholischen Charme der Inselrepublik kosten, die melodiöse Sprache hören, den Malteserinnen beim Shoppen, Kaffee trinken und SMS verschicken zugucken. Na, was Seebären mittleren Alters halt beim Landgang so machen. Dann meint der Zöllner, die Reihenfolge erinnere ich nicht mehr genau, „no woman, no alcohol, no drugs“ und schüttelt den Kopf. „Warum machen Sie es?“ Na, ein Beamter mit Humor. Einer, der im Pass blätternd das übliche „Hamburg, Reeperbahn, haha“ auslässt und mich nicht in ein Gespräch über Fußball verwickeln möchte. „Wissen Sie, es ist ziemlich schön da draußen.“ Ah, und was? „Es kann so ruhig sein auf dem Meer. Man macht Frieden mit sich. Ich verzeihe den Blöden, lächele über die Fiesen und wissen Sie, was das Beste ist?“ Der Zöllner guckt skeptisch. Er weiß es nicht. “Wenn Sie nachts Wache und für Stunden einen phantastischen Sternenhimmel über sich haben.“ Er runzelt die Stirn. Dafür brauche man doch kein „expensive boat.“ Wenn er den Himmel sehen wolle, gehe er vor die Tür und gucke nach oben. „Da haben Sie Recht. Leider ist in Deutschland ringsum immer irgendwo das Licht an.“ Dann möchte ich vom Zöllner wissen, wann er zuletzt hier auf Malta abends einfach mal vor die Tür gegangen ist über sich geguckt hat. Er weiß es nicht. Ich kriege die Stempel. „Welcome to Malta.“ Nach einigen Tagen ist es Zeit zur Weiterreise, Zeit für die grenzenlose Bläue und Weite des Meeres. Wir sind ausgeschlafen. Die Duschen waren erfrischend, das Sandsteingemäuer Vallettas ist schön, das Leben aber nicht so städtisch wie es schien, manche Einheimische auf halber Strecke zwischen dem fremden Sizilien und dem noch fremderen Beduinenkontinent war apart anzuschauen. Allerdings war das „food“ erschütternd englisch. Höchste Zeit für Sizilien, wo es frisches Obst und Gemüse aus eigenem Anbau geben soll. Wir lösen die Leinen. Der Rußrotzer spuckt das Kühlwasser in Schüben aus dem Auspuff. Der Draht zum Segel setzen klatscht an den Mast. „Na, Sternengucker, geht’s weiter?“ Der Zöllner komplettiert das Formular im Umfang einer Steuererklärung und stempelt „bomm, bomm“ sämtliche Exemplare ab. Dann wünscht er dem „crazy germaniz“ Kopf schüttelnd eine „safe voyage“. Natürlich hätte ich ihm erzählen können, wie es ist, vor der Hafenmole den Motor abzustellen, mit surrenden Winschen die Segel himmelwärts zu zerren. Ich hätte erklärt, wie sich das Gefährt mit zunehmendem Winddruck in den Tüchern leicht auf die Seite legt und Fahrt aufnimmt, wie das anfängliche Plätschern am Rumpf zum Rauschen und Zischen wird. Wie ich durchatme, wenn der Propeller schnurrend für Stunden oder Tage im Leerlauf mitdreht. Wie Unruhe und Ängste des Landlebens zurück bleiben. Warum das Kinderspiel am Rad zwischen Luv und Lee, Höhe am Wind und Geschwindigkeit so unterhaltsam ist. Wie genüsslich ein Segelboot den Einklang zwischen Wind und Wasser herstellt. Ich hätte ihm erklären können, dass wir keine harten oder verbotenen Sachen dabei haben, weil das Meer als Droge schon langt. Er hat ja bloß allgemein und nicht weiter nachgefragt. Vielleicht wusste er schon, dass er mit meinen Antworten nichts anfangen kann. Dass er sie nicht braucht. Das hat, wie anderes im Leben auch, seine Gründe. Man kann wichtige Dinge eh nur guten Freunden erklären. Aber ab und zu, wenn ich nachts mal wieder zölibatär, ohne Rausch- und Genussmittel unter einem Himmel ohne gemischte Bewölkung unterwegs bin, erinnere ich den freundlichen Zöllner von Malta.

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Der Wahnsinnswind

Tiefblauer Himmel, kristallklare Luft, gnadenloser Sturm. Mistral herrscht in der Provence. Die Tiere verdrücken sich, Menschen werden kirre und so mancher Fensterladen fliegt davon. Nach drei, sechs oder neun Tagen ist der Spuk aber vorbei. Zum Abschluß einer Seereise ankern wir draußen vor dem Vieux Port. Sanft vom stetigen Westwind bewegt murmelt der Golf von Saint-Tropez um den Bug des Bootes. Die Sonne verabschiedet sich mit einem farbenfrohen Spektakel hinter der gezackten Kette der Seealpen. Leuchtend lugt die ockerfarbene Kuppel der Église Paroissiale über die bunten Schindeln des Lebenskünstlerdorfs. Nachts wölbt sich der Himmel phänomenal über den letzten Wolken ausgefranster Zirren. Höchste Zeit, einen geschützten Platz im sicheren Hafen zu finden. Entsprechend hart werden die Verhandlungen mit dem Capitaine du Port geführt. Wie vor einer Katastrophe ist sich jeder selbst am nächsten. Der hier anzutreffende prototypische Pariser Rechtsanwalt ganz besonders. Keinesfalls werden wir das Boot wie verlangt quer zum Wind an der Hafeneinfahrt vertäuen. Wir entdecken einen Unterschlupf zwischen großen Motoryachten, bringen dicke Festmacherleinen in die erwartete Windrichtung aus. Dann kommt er, der Boß der mittelmeerischen Stürme. Mit brachialer Wucht fegt er von Port Grimaud heran. Eine furchtbare, anhaltende Böenwalze. Der idyllische Ankerplatz der vergangenen Nacht, der Logenplatz vor Saint Tropez ist eine schäumende Wasserwüste. Der Mistral läßt die Masten im Hafen dröhnen. Zwar sind wir im Hafen sicher, haben aber dennoch Angst. Angst vor der Urgewalt dieses entsetzlichen Sturms. An jeder Küste wachsen die Bäume vom Meer abgewandt. Weil der Wind von dort kommt. Jetzt verstehen wir, warum sich im Süden Frankreichs das Gehölz dem Meer entgegen beugt. Es verneigt, duckt sich vor dem Wind, den die Einheimischen „Maestrale“ nennen. Das bedeutet Herrscher oder Meister. Der Boss der Winde dominiert nicht allein Vegetation und Leben in der Provence, auch in Korsika und Sardinien, sogar weit in die Meerenge zwischen Sizilien und Afrika hinein. Majjistral nennen ihn die Malteser. Wenn er weht, heiß es abwarten, ihn ertragen. Der ungebetene Gast macht mürbe, nimmt Kraft und Konzentration Die Bauern der Provence errichteten ihre Häuser deshalb mit der fensterlos schmalen Stirnseite windschlüpfrig. Den besonders starken Mistral nennen sie Aurasso, den kalten Cisampo. Mit dem ärgsten aller mediterranen Winde ist nicht zu spaßen. Er ist wie ein ungebetener Gast plötzlich da. Er bleibt, schlimmer noch, lange. Einer Bauernregel zufolge weht er drei, sechs oder neun Tage. Er bläst mit unverminderter Kraft bei einem wolkenlos tiefblauen Himmel und ausgezeichneter Sicht. Nachts funkeln die Sterne mit dramatischer Prägnanz, wo sonst Dunst und Diesigkeit alles dämmen und dimmen. Der ungebetene Gast macht mürbe, nimmt Kraft und Konzentration. Der Mistral kündigt sich mit einem Gefühl von Niedergeschlagenheit an. Ist er dann da, beschert er wetterfühligen Zeitgenossen Kopfschmerz und erhöhte Reizbarkeit. Die neapoleonische Justiz gestand einem Mörder mildernde Umstände zu, wenn der Mistral drei Tage vor der Tat geweht hatte. Das ersparte ihm die Todesstrafe. Wer je eine vom Boss der Winde durchgepustete Ortschaft der Provence mit klappernden Fensterläden erkundete, die Tristesse der leer gefegten Gassen und das Dröhnen des Windes ertrug, versteht das. Die Einheimischen nennen ihn auch vent du fada, den verrückt machenden Wind. Hundert Tage im Jahr weht er, im Winter und Frühjahr am heftigsten. Natürlich hat er auch seine guten Seiten. Es gibt Herbstwochen, wo die Winzer ihn angesichts einer nassen Weinlese sehnsüchtig erwarten. Wie ein mächtiger Föhn trocknet der Mistral dann Tau und Regentropfen, verhindert Fäulnis und pustet Schädlinge weg. So hat der Mistral schon manchen Weinjahrgang gerettet. Und im Sommer bringt er willkommene Abkühlung. Wie der italienische Tramontana oder die adriatische Bora zählt er zu den katabatischen, aus großer Höhe, fallenden Winden. Das senkt die Temperatur im Sommer angenehm um zehn Grad. Er lüftet die Provence, weht den Dreck des industrialisierten und dicht besiedelten Rhonetals fort. Leider entfacht er manches Feuer des hochsommerlich ausgedörrten Landes zu Waldbränden und treibt gefürchtete Feuerwalzen vor sich her. Für Friedrich Nietzsche war der Mistral Freund und Weggefährte des anarchisch-wahren Lebens. „Brausender, wie lieb ich Dich. Sind wir zwei nicht eines Schoßes Erstlingsgabe?“ begeisterte er sich im Lied „An den Mistral“ für den ungestümen Gesellen. Auszug Merian Heft Provence April 2006

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Barfuß im Regen

Die Bewohner von St. Kilda fühlten sich wie im Paradies. Sie lebten fernab der Zivilisation in einer idealen Gesellschaft. Dabei waren die Sturmzerzausten Inseln im Atlantik wahrlich kein Schlaraffenland. Mitten in Edinburgh, an der Ecke Charlotte Square und Young Street, im muffigen Tiefparterre des National Trust for Scotland, steht eine kleine, schwarze Blechbox des Earl of Dumfries. Zwei abgegriffene Exemplare der Heiligen Schrift auf Gälisch liegen darin, Briefe, Tagebücher und eine abgeschnittene Vogelkralle. Das ist alles, was von der Haushaltsauflösung einer ganzen Insel übrig geblieben ist. Viel mehr hatte der Earl of Dumfries, der letzte Eigentümer des Archipels, nicht in den Händen, als er die Inseln der schottischen Nationalstiftung vermachte. Die meisten Bewohner sind tot. Gestorben im Exil, in das sie 1930 gehen mussten. Doch der Mythos von St. Kilda lebt weiter. Dass die Inselgruppe draußen im Atlantik, 110 Meilen vom Festland entfernt, überhaupt Heimstatt für Menschen sein kann, wollte lange Zeit niemand so recht glauben. Waren doch schon die schottischen Highlands ein nasskaltes Armenhaus, die Lebensbedingungen im feuchten, vom Wind zerzausten Norden, hart. An der Nordwestküste der Britischen Insel zerfranste die zivilisierte Welt, kapitulierte sie vor der Natur. Dort begann das unberechenbare Meer, das Reich der Stürme. Ausgerechnet dort draußen, auf den Steinen am umtosten Horizont, auf den Inseln Hirta, Soay und Boreray, sollten Menschen leben? Schilderungen Schiffbrüchiger nährten die Vorstellung vom eigenartigen Leben auf dem Archipel. Ohne jedes Einkommen würden die Leute dort hausen. Auf der einzig bewohnten, der baumlosen Insel Hirta fänden sie ohne Boote, ohne Fischfang ihr Auskommen. Das Rad sei ihnen nicht bekannt. Leder und Glas hätten sie auch nicht. Sie würden weder lesen noch schreiben. Wie ließ sich dort satt werden? Und vor allem: Wie konnte es angehen, dass ausgerechnet dort ein Ort des Glücks sein sollte? Menschen, mit sich und der Welt vollkommen zufrieden? Von den bescheidenen Erträgen der Tierhaltung – es gab Schafe, ein paar Kühe und wenige Pferde – konnten die Insulaner nicht leben. Ackerbau war in der dünnen Humusschicht im Talkessel von Loch Hirta schwerlich möglich. Bootsbau war kaum entwickelt, es gab ja keine Bäume und kein Holz, und die wenigen importierten Kähne vergammelten schnell. Fischen war daher so gut wie unmöglich. Zum Glück kam das Hauptnahrungsmittel zu ihnen an Land geflogen: in Gestalt hunderttausender Seevögel. Die in luftigen Galerien und Felsnischen hockenden Vögel brauchten von den Bewohnern auf Hirta bloß eingesammelt zu werden. Die Männer erklommen die steilen Hänge des Talkessels der Village Bay und griffen sich die Vögel von dort, wo diese es nicht erwarteten: von oben über die Kliffkante. Die Insulaner fingen die Seevögel nicht nur. Sie lernten auch von ihnen. Als den Einheimischen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Boote vom Festland zur Verfügung standen, mit denen man die Nachbarinseln zum Vogelfang besuchen konnte, war die Einschätzung des Wetters wichtig. Das Verhalten der Vögel kündigte den Kennern nahende Wetterwechsel an. Unterwegs vom Nebel überrascht, folgten sie eher den vertrauten Tieren als dem Kompass. Auszug Heft 31, April/Mai 2002

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Der Wald, die Reben und das Meer

Die Sonne glitzert auf dem trägen Gewoge des ligurischen Meeres. Kaum von einer thermischen Brise geschuppt, hält es noch seinen Mittagsschlaf. Links der Gleise eine Ortschaft, rechts etwas Strand. Durchgeschüttelt von einigen Stunden Bahnfahrt verlassen wir den Waggon. Monterosso al Mare. Am Meer, wo sonst könnten wir mit dem Mensch sein beginnen? Verreisen ist Wahnsinn. Nur daheimbleiben wäre schlimmer. Ab und zu muß der Mensch mal richtig weit weg. Städte, das hügelige Zwiebelturmland und Flüsse queren, in nachtschwarzen Tunneln und dämmrigen Galerien durch Alpen und Apenninen rasen und im nördlichsten Ort der legendär hübschen Cinque Terre, der fünf entlegenen Dörfer Liguriens aussteigen. Ein Gebirgsbach, der durch den Sand rinnt. Fischerkähne, die Sonne. Akazien, Mimosen, Pinien, eine Palme – prima. Betagtes Gemäuer, eine katholische Kirche. Monterosso al Mare. Gibt es einen geeigneteren Ort, den Mumpitz eines Alltags, den wir uns durchaus anders vorstellen können, hinter uns zu lassen? Eine Albergo findet sich. Wir haben eine wichtige Verabredung. Eine Verabredung mit uns. Wir reden nicht bloß davon, „wie schön es wäre, hier mal zwei Tage zu bleiben.“ Wir bleiben. Zwei Tage. Warten einfach ab, bis der Kopf, der notorische Nachzügler allzu schneller Auto-, Bahn- oder Flugreisen, eingetroffen ist. Die 12 Kilometer lange Via Lungomare verbindet die berühmten fünf Dörfer der Steilküste Liguriens: Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore. Der italienische Alpenverein bezeichnet die Route, einen der schönsten Wanderwege der Welt, schlicht als Nummer zwei. Zu früher Morgenstunde, wo der normal menschliche Phlegmatiker noch schlummert, folgen wir dem groben Gemäuer der Stufen durch hüft- bis schulterhohe Weinstöcke. Der Weg ist eindeutig in rot und weiß markiert. Die Hähne legen sich lärmend ins Zeug, die erste Bahn der Strecke Genua – La Spezia rauscht übers Viadukt und verschwindet lärmend im Schlund des nächsten Tunnels. „Eine felsige, strenge Landschaft, die in ihrer Wildheit an Kalabrien erinnert, Zuflucht für Fischer und Bauern, die sich an ein Fleckchen Strand klammern – bloßgelegter und feierlicher Rahmen für eine der ursprünglichsten Gegenden in ganz Italien … wenige Dörfer oder Weiler, die sich zwischen Fels und Meer zwängen,“ faßte Eugenio Montale den Reiz der Gegend in den zwanziger Jahren zusammen. Besonders gut hat er sich mit den Eingeborenen nicht verstanden, doch sind Reisende dazu da? Außerdem sind die Ligurier stolze, dem Fremden eher skeptisch denn aufgeschlossen gegenübertretende Leute. … Heute gibt es ja überall alles. Sushi in Soho, Pesto in Pellworm oder Scholle in Schlangenbad. Einst waren Sardellen kleine Fische für kleine Leute. Denn vom Weinbau allein und dem bißchen Landwirtschaft wurden die Einheimischen kaum satt. Im Mai und Juni ißt man die Fische mit dem festen Fleisch frisch mit Ölivenöl, Zitronen und verfeinert mit Oregano, Knoblauch und Petersilie, später mariniert oder gebraten. Wie überall auf der Welt haben abgekochte Marketingstrategen aus der Notlösung für arme Schlucker einen derartigen Kult gemacht, daß man für die klitzekleinen Fische mit dem festen Fleisch und ein, zwei Fläschchen hiesigen Bianco manchen Euro opfert. Wer geneigt ist, sich darüber aufzuregen, ißt anders oder bleibt zuhause. Bis annähernd achthundert Meter erhebt sich das Gebirge. Die unzugängliche Steilküste bot Schutz vor feindlicher Übernahme, dem barbarischen Zugriff auf Weib und Kind, dem Raub von Hab und Gut. In prekärer Hanglage lebte man isoliert, zunächst vom Weinbau, später kam der Fischfang hinzu. Ein hartes, einfaches Leben. Zwei Kulturen, zwei Welten an einem kurzen, wenige Kilometer messenden Küstenabschnitt. Heute schützt die Lage der Dörfer in engen Tälern und abschüssigen Hängen vor ganz anderer Barbarei: vor Betonierung, Zersiedlung und der automobilisierten Zerstörung des Idylls – den fast überall zu besichtigenden Folgen des Fremdenverkehrs. Wahrscheinlich erkannten Bauern vor sieben Jahrhunderten den Wert der sonnenverwöhnten, zugleich sicheren Südwesthanglage und verwandelten mit der quadratmeterweisen Rodung von Macchia und Wäldern die Hänge in diese einzigartige Kulturlandschaft. Der Boden auf den engen Rebterrassen mußte auf Knien gepflügt werden. Die trocken, ohne Mörtel errichteten Mäuerchen verzögern den Abfluß des Wassers nach heftigen Niederschlägen und verhindern Erdrutsche. Würden die unteren Terrassen be-sonders abschüssiger Lagen vernachlässigt, kann der ge-samte darüberliegende Hang abrutschen. Deshalb darf das Natur-Kunstwerk der Cinque Terre nicht aufgegeben, müssen die sogenannten cian, die Rebterrassen weiter bewirtschaftet werden. Die regionalen Fördergelder zur Sicherung der cian reichen nicht. Der Konsument und durstige Wanderer kann es richten, indem er für lokale Weine zahlt, was Winzer für den Cinque Terre Bianco und den typischen Sciacchetrà samt einhergehendem Landschaftsschutz brauchen. Blöd und billig geht immer, Kultur kostet. Wird auch im 21. Jahrhundert nicht anders. Obgleich für den Sciacchetrà strenge Vorschriften gelten, mache man sich angesichts unterschiedlicher Anbaubedingungen auf Überraschungen gefaßt. Die Winzer von Monterosso, Riomaggiore, Tramonti di Bassa, Tramonti di Campiglia und Vernazza pflücken ihre Trauben in weit auseinanderliegenden, oft gerade mal zimmergroßen Anbauflächen, teils ganz unten am ligurischen Meer, teils oben am Hang in schwindelnder Höhe. Die ambitionierte Cooperativa Agricultura Cinque Terre bemüht sich um die Fortsetzung von Handwerk und Kultur des tradierten Weinanbaus. Der Saft der raffiniert rosinierten Reben ist so eigenartig wie der reizvolle Küstenstrich. Als „Wein von aromatischer und komplexer Süße ist er ein Tropfen für Kardinäle und reifere Damen“ meinte Paolo Monelli 1935 in seiner „gastronomischen Reise durch Italien“. Zeit für eine Pause im ligurischen Vorzeigedorf Vernazza. Der abschüssige Pfad schlängelt sich oberhalb des Tunnels der ligurischen Metro durch die Rebterrassen. Unter uns die Stimmen fröhlich am Strand spielender und im Hafenbecken planschender Kinder. Im Schatten der Bäume einige Bänke, dahinter die Piazza zwischen der Kirche am Wasser, pastellfarbenen Häusern, dem Castello Belforte und dem wehrhaft runden Turm auf dem Fels. Ein Idyll – nicht mehr von dieser Welt. Auszug aus Cinque Terre Artikel, erschienen 22. März 2003

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Sozialismus – schön bunt

„Es gibt ein paar Dinge aus der Zeit vor der Revolution, die die Amis gut gemacht haben“, erklärt Mario, ein farbig junger Kubaner, mit feierlichem Ernst. Er zeigt auf das 25-stöckige Hochhaus. „Das Habana Libre ist großartig. Wir hatten in den vergangenen Jahrzehnten keine Reparaturen, keinen Ärger, nichts.“ Das Hotel wurde während der Revolution fertig, als die konfektionierten Wohnmaschinen der Moderne auch auf der Zuckerinsel errichtet wurden und ein Hilton her mußte. Havanna war damals ein karibischer Vorort von Miami. Wer Geld hatte, flog abends aus dem prüden Florida auf einen verlängerten Drink rüber. Die Hauptstadt der größten Antilleninsel war zu Batistas Zeiten im Wesentlichen ein von der Mafia kontrollierter Puff. Das änderte sich, als Castro in einer Suite im 24. Stock des Hilton die Regierungsgeschäfte übernahm. Seitdem heißt es Habana Libre Mario sagt „wir“. Er berichtet von seinem Land. Mario hat in Rostock studiert und freut sich über die Gelegenheit Deutsch zu sprechen. Er zeigt den Pabellón Cuba, einen vom Wind durchfächelten, überdachten Freizeitpark zwischen hohen Betonstelzen. Kinder jeden Alters toben darin herum, veranstalten Wettrennen mit einem selbst gezimmerten Holzroller. Die älteren hocken im Video- oder Computersaal. Viele albern in Gruppen herum. Die allgegenwärtige Musik, für das Ohr des aus dem fernen Europa angekommenen noch ungewöhnlich, macht das Leben zu einer einzigen Disco. So muß er sein, der Sozialismus. Schön bunt, fröhlich wie ein didaktisch präpariertes Bilderbuch. Coppelia, der kühn betonierte Tribut an die Leidenschaft der Kubaner für Eiskrem, sieht aus wie ein zwischen den Palmen niedergegangenes Ufo, eine Arena im Format eines Boxpalastes. „Früher gab es hier 60 verschiedene Eissorten“, berichtet Mario, „aber heute leben wir in einer besonderen Periode. Wir müssen sparen.“ Es ist Samstagabend und die Coppelia ist leer. Gern würde Mario jetzt noch das neue Krankenhaus zeigen, das modernste Kubas und ein Zentrum für Organtransplantationen in ganz Lateinamerika. Operieren für die Revolution. Jeder Dollar zählt. Gerade eine halbe Stunde in Habana Vieja, in einer der nur spärlich beleuchteten Straßenschluchten, beginne ich mich für diese Stadt zu begeistern. Wir laufen durch verfallene portales, reich verzierte Galerien vor den Häusern, denen ein erdschwer modriger Duft entströmt. Wir stolpern an schwarzen Fensteröffnungen vorbei, die mit gedrechselten Holzstäben oder schmiedeeisernen Gittern als Glasersatz offen und zugleich verschlossen sind. „Ssst, sst…“ zischt die Aufforderung, doch einmal stehen zu bleiben, aus dem Dunkel, „he – amigo“, schallt es von der anderen Straßenseite, wo eine Gruppe scherzender Jugendlicher schemenhaft zu erkennen ist; Einladungen, in einen 20 Quadratmeter Kosmos zu blicken. Die Bässe des Salsa oder Son dringen irgendwo aus einem ersten Stock herüber. Im garagenähnlichen Innenraum nebenan mischt sich der matte Schein einer Glühbirne mit dem Türkis, Gelb oder Rosa der Wände. Darunter, unter einer Weltkarte von Wasserflecken im Putz, steht ein Fernseher. Gezeigt wird einer der Si por Cuba -Spots: Düsenjäger reiten auf weißen Kondensstreifen durch den stahlblauen Himmel, jagen über grün wogende Zuckerrohrfelder. Man ist gewappnet gegenüber dem imperialismo. Andere Filme sind für Sekunden mit einem Porträt des bärtigen Comandante Fidel Castro unterschnitten. Wir laufen immer tiefer in das einstige Bermudadreieck Havannas hinein, bis wir in einer kleinen Bar eine kubanische Zarah Leander entdecken. Sie singt vor ergrautem Publikum Chansons aus vergangenen Zeiten. Die strengen, würdevollen Gesichter einer verblichenen Aristokratie schimmern fahl im matt erleuchteten Innenhof. Der Stuck von hundert, zweihundert Jahren hängt noch unter den hohen Decken. Habana vieja, das alte Havanna. Einst eine der reichsten Städte der neuen Welt. Heute wird hier Stadtteil für Stadtteil der Strom abgeschaltet. Einen Kilometer weiter schimmert die Neonbeleuchtung eines kleinen, feinen Studentenhotels im Dunkel des Stadtteils Colón. „Hey Chino, was habt ihr zu essen?“, ruft Mario den Kellner. Es gibt Hühnchen mit Reis. Dazu ein Hatuey. Selbst das kubanische Bier erzählt vom aufrechten Gang. Denn Indianerhäuptling Hatuey zog kurz vor dem Tod die Hölle dem Himmel vor: angesichts der Aussicht, letzteren mit Spaniern teilen zu müssen. Die Einheimischen der Antilleninsel hatten es nicht leicht. Dafür waren sie konsequent. Auszug aus der Titelgeschichte des Geo-Reisemagazins über Kuba – Heft 3/1993

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Die ersten Bilder des Nordens

Wenn Knud Knudsen Bustetun, der alte Knudsen vom Gehöft Buste durch das westnorwegische Fjordland in die Hauptstadt Bergen zum Einkaufen fuhr, nahm er seinen Sohn mit. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Odda eine kleine Siedlung am äußersten, südlichen Ausläufer des Hardangerfjords. Rechts das tausend Meter hohe, unwegsame Hardangerfjell, links der Gletscher Folgefonn. Von den Kanten des Hochlandes schwappte die Nässe förmlich zu Tal, stoben Wasserfälle in die Tiefe. Heute sind die meisten in den Rohren der Kraftwerke verschwunden, darunter einem der ältesten Norwegens, dem Industriegeschichtlichen Baudenkmal in Tyssedal. In Bergen half der Krämerssohn seinem Vater bei den Besorgungen und nahm Fühlung auf mit der Welt. In der Hansestadt lernte der junge Knudsen Deutsch, machte bald darauf eine Kaufmannslehre und die folgenschwere Bekanntschaft – mit der Fotografie. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts begeistertes sich Europa für die Lichtbildnerei, nachdem der Pariser Kunstmaler Louis J. M. Daguerre, 1839 respektable Ablichtungen auf seine mit Jodsilber beschichteten Kupferplatten gezaubert hatte. Obwohl der Hardangerfjord auf 60 Grad nördlicher Breite liegt, dem Nordpol so nahe wie Anchorage, Helsinki, Petersburg oder Sibirien, gibt es im fast durchgehend taghellen Sommerhalbjahr hier ideale Bedingungen für die Landwirtschaft. Der Golfstrom schiebt das warme Wasser der Karibik quer über den Atlantik vor die norwegische Küste, drückt es in die Fjorde hinein und macht die vom Fjell bewässerten, grünen und geschützten Ufer zu einem allsommerlichen Gewächshaus. Während über das Hochland ein eisiger Wind geht und der ewige Winter die Passage des Fjells erst ab April oder Mai ermöglicht, grünt und blüht an den sonnenbeschienenen Ufern des Fjords, was der Boden hergibt. Nur wußten die Norweger damals noch nicht, wie man das fruchtbare Land für den Obstanbau im großen Stil nutzt. Heute sind die milden Täler der norwegischen Provinz Hordaland das bedeutendste Obstanbaugebiet Norwegens. Dank der Neugier Knud Knudsens aus Odda. „Es tut mir beinahe weh, wenn ich einen Apfel gegessen habe, und die Kerne wegschmeißen muß“, ist vom jungen Krämerssohn Knudsen überliefert. „Viel lieber stecke ich sie in die Tasche“. Schon mit 18 Jahren soll er Setzlinge aus Dänemark, Holland oder Deutschland gekauft haben. Als der Garten der Familie nicht mehr reicht, bepflanzt er die Grundstücke der Nachbarn und verkauft die Bäume später. Das fiel in einer Region, wo die Einheimischen sich eher mit dem Fischfang, Ackerbau und Viehzucht befaßten, auf. So wurde Knudsen 1862 mit einem norwegischen Stipendium nach Reutlingen geschickt. Dort hatte der eigenwillige Botaniker und Querkopf Eduard Lucas zwei Jahre zuvor seine höhere Lehranstalt für „Pomologie, Obstcultur und Gartenbau“, gegründet. Knudsen blieb vier Semester in der Internatsschule, wo mit einem strammen Pensum ab Fünf in der Frühe Sortenkunde, Baumschnitt, Morphologie und Physiologie der Pflanzen und natürlich Obstanbau gelehrt wurde. Sein Faible für die Daguerrotypie perfektionierte Knudsen nebenher weiter. Das Bedürfnis nach der Fotografie Wie viele Zeitgenossen in Europa sah Knudsen den Markt, der sich dem Atelierfotografen bot. Für die Ablichtung in stolzer Pose würde der Bürger sein Portemonnaie öfter und weiter öffnen. Das Portrait war bislang ein von Hand gemaltes und entsprechend teures Priveleg gewesen. Jetzt wurde es ein erschwindliches Statussymbol zur Demonstration des eigenen oder, mit dem entsprechenden Hintergrund im Atelier, auch des erträumten Status. Die Sichtweise, das Setting wurde von der Malerei übernommen. Am 1864 eröffnete Knudsen sein Geschäft mit seiner 7 x 7,2 cm Stereoskopkamera. Die Portraitfotografie wurde das Brot- und Butter Geschäft Knudsens. Wie in einer Annonce Knudsens zur Eröffnung seines Ateliers angekündigt konnte man damals bereits stereoskopische Landschaftsaufnahmen bestellen. Bereits sein Vorgänger Sellmer hatte sogenannte „Bergen Prospekte“ angeboten, die Heimatstadt vom Berg hinab in der Totalen daguerrotypiert. Den Obstanbau betrieb Knudsen nebenher – bis er seine Naturnähe und die Begeisterung für die Möglichkeiten der Daguerrotypie zusammenführen konnte. Knudsen wurde zum berühmtesten Landschaftsfotografen Skandinaviens. Immer öfter zuckelte er mit seinem Karren, beladen mit der zerbrechlichen Fracht präparierter Glasplatten und Chemikalien, durch die Wildnis hinauf, auf’s Fjell: vor das Motiv, die seinerzeit noch verwegene, weder von Straßen noch Tunnels zugängliche und domestizierte Landschaft. Das Fjordland Norwegens mit seiner abwechslungs- und kontrastreichen Landschaft entsprach der bürgerlichen Sehnsucht nach unberührter Wildnis. Von lieblich bis schroff sind hier alle touristischen Temperamente in jedem Tal versammelt. Knudsen trug sie mit seinen Platten heim, in die Salons und Stuben. Die Daguerrotypie konnte in Norwegen nahtlos an die Tradition der Landschaftsmalerei – etwa des Romantikers J. C. Dahl – anknüpfen und als modernes, rasch reproduzierbares Surrogat ihren Platz einnehmen. Die Sichtweise auf die freie Wildbahn, auch der verkitschte Blick auf schroffen Fels und verwegene Schluchten war vorgegeben. Die Bilder existierten in den Köpfen – der Fotograf erfüllte als stellvertretender Reisender die visuellen Erwartungen nicht allein der daheim Gebliebenen sondern auch des wachsenden Zustroms von Urlaubern seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Bildhunger galt dem entfernten, schwer zugänglichen, dem exotischen Reiseziel – von dem Normalsterbliche damals nur träumen konnten. Je verwegener die Fotoreise war, desto größter der Erfolg für den Fotografen. So wurden Knudsens Streifzüge auf das Fjell zu ausgewachsenen Expeditionen – auch, wenn es bereits spektakuläre Reisen in ferne Länder gab. Der Brite Thomas Fryth hatte beispielsweise 1852 mit seinen Fotos aus Ägypten und Palästina Erfolg. John Thompson brachte mit seinen Holzkisten und Glasplatten aus dem fernen China exotische Bilderbeute mit. Drei Jahre später hatte Friedrich von Martens auf der Pariser Weltausstellung ein aus vierzehn Negativen zusammengesetztes Mont Blanc Panorama präsentiert. Als der südliche Ausläufer des Hardangerfjords 1889 – 1919 zum regelmäßigen Ankerplatz der „Hohenzollern“ wurde, spazierte Kaiser Wilhelm II. durch Knudsens Obstplantagen und ließ sich zum Abschluß des Besuches vor der dramatischen Szenerie des Fjordlandes von Knudsen ablichten. Heute ißt halb Norwegen wilheminische veredelte Hardanger Äpfel. Nordlandfahrer Kaiser Wilhelm brachte dem Pomologen und Hoffotografen Knudsen Reiser aus den kaiserlichen Obstgärten zum Okulieren mit. Auszug aus FAZ Magazin 715 vom 12. November 1993